Montag, 28. Februar 2011

Reset auf Eintracht.

„Ein Reset (englisch [ɹiː'sεt], zu deutsch: zurücksetzen) ist ein Vorgang, durch den ein elektronisches System in einen definierten Anfangszustand gebracht wird. Dies kann erforderlich sein, wenn im Havariefall das System nicht mehr vorschriftsmäßig funktioniert und auf normale Eingaben nicht mehr reagiert.“

Und es kam, wie es kommen musste. Wie ein böser grinsender Kobold, der uns eine Nase dreht: „Harhar. Jaja. Gegen den VFB gewinnen. Befreiungsschlag. Habt ihr gedacht, oder? Harhar. Dann gegen den FCK nachlegen. Habt ihr gedacht. Ätsch. Bätsch. So einfach kommt ihr mir nicht davon…“

***

Das 0:1. Der frenetische Jubel von rechts aus der VFB-Kurve. Okazaki. Harnik. Gebhardt. Spielertraube vor dem VFB-Block. Eintracht. Eintracht. Schreie ich, schreien wir gegen den Jubel an, während unsere Jungs zum Mittelkreis traben. Gehen. Schleichen. Hängende Schultern. Eintracht. Eintracht. Wir haben noch fünfundzwanzig Minuten, da geht noch was. Jetzt nicht einknicken. Weiterspielen. Anlaufen. Weiter immer weiter. Konfusion. Hektik. Ganz ruhig. Konzentriert bleiben. KONZENTRIERT. Weiter. Raus. Nach vorne. Eintracht. Eintracht. Das 0:2. Sacke in die Knie. Warum auch das noch? Warum? Warum? Trotzdem. Jetzt. Ein. Ruck. Alle. Immer noch Zeit. 20 Minuten. Wir reißen das. WIR REISSEN DAS. Hier. Jetzt. Warum ist es im Stadion so still? Fast unheimlich. Schockstarre. Auch der VFB-Block schweigt. Recht haben sie: Nicht zu früh frohlocken. Da kommt noch was. Alles in mir wehrt sich gegen die aufsteigende Ohnmacht. Die Eintracht wird zurückschlagen. Wir. Geben. Uns. Nicht. Geschlagen. Das kann doch alles nicht wahr sein. Das kann es nicht gewesen sein. Nicht so. Den Anschluss schaffen. Den Ball ins Tor zwingen. Nein. So nicht. Hinten herum. Ballgeschiebe. Ich stehe. Kann, will jetzt nicht mehr sitzen. Vorne. Vorne werden die Tore geschossen. Immer noch diese wabbernde, fast unheimliche Stille im Stadion. Wir haben doch noch Zeit. 10 Minuten. Wir können das noch drehen. Da ist Platz. Nicht immer über die Mitte. Raus. Raus. Zumindest ein Punkt. Eintracht. Eintracht. Die Verzweiflung, Enttäuschung, Hilflosigkeit auf dem Platz ist fast greifbar. Flattert wie ein Gespenst über dem Rasen. Nein, nein – nicht. Weg damit. Gar nicht ans Aufgeben denken. Noch ist Zeit. 5 Minuten. Nicht unterkriegen lassen. Jetzt noch einmal aufbäumen. Über die Grenze gehen. Sie versuchen es. Versuchen sich gegen sich selbst, gegen das, was sie niederzieht, zu wehren. Anlaufen. Weiter. Traut euch! Geh. Schieß. Zieh ab. Irgendwie. Irgendwie. Eintracht. Eintracht. Ich schreie es in die Stille, habe das Gefühl, meine Stimme gellt durchs ganze Stadion. Fliegt. Verhallt. Sie müssen, sie werden mich hören: Steht auf wenn ihr Adler seid… Eine irgendwie lächerliche Figur, die da steht, allein, Arme in die Luft gereckt. Ich.

***

Nach dem Spiel. Wir lehnen an der Bande. Die Stuttgarter feiern und hüpfen. Russ, Franz, Schwegler, Jung. Tzavellas. Fährmann. Ama. Alex. ALEX. Niedergeschmettert. Hohläugig. Zögernd. Und jetzt? Wohin wird die Stimmung kippen? Hopp. Topp. Die West übernimmt die Initiative: Eintracht. Eintracht. Ein Gänsehautmoment. Schwarze Wolken, ein schmaler Sonnenkranz der übers Dach des Stadions flimmert. Die Mannschaft geht zur Kurve, immer noch zögernd, aber aufrecht. Klatscht. Eintracht. Eintracht. Intoniert die Kurve. Schreie ich von der Gegengeraden zwischen Fahnen schwenkenden, fotografierenden VFBlern. So viel falsch gelaufen. So viele Punkte, an denen man ansetzen muss. Besser wissen. Besser machen. Im Sommer. Aber jetzt: Egal. Alles Egal. Einfach erst mal wieder rauskommen aus dieser Scheiße. Zusammen. Nie wieder 2. Liga!

Reset auf Eintracht.


Sonntag, 27. Februar 2011

Nur Muht!

Gestern abend am Telefon.

Ich: „Oh Mann – gar kein Gefühl für morgen. Meensch...bibber..“

Adler-Freund: „Also, mir ist auch schon ganz anners..."

Ich: „Weiß echt noch net, ob ich mich trau vorher nochmal die Orakelkuh zu fragen...“

Adler-Freund: „Doch. Mach. Ich glaub, ich weiß was sie sagt...“

Ich: „Was denn?“

Adler-Freund: „Nur Muht.“

Yep. So einfach. Muhtig sein. Raus gehen. Spielen. Kämpfen. Und gewinnen. Gewinnen. Gewinnen. Sieg! Ohne Wenn und Aber!


Dienstag, 22. Februar 2011

Hans-Dieter "Fips" Wacker - Ein Nachtrag in eigener Sache

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden sich vielleicht daran erinnern, dass ich hier im Herbst vergangenen Jahres ein Porträt des früheren Eintracht-Profis Hans-Dieter "Fips" Wacker veröffentlicht habe. Angeregt zu diesem Text wurde ich durch einen Kommentar meines Blogger-Kollegen Kid Klappergass, zusätzlich "inspiriert" durch den Besuch eines Gastspiels der Eintracht Frankfurt Traditions-mannschaft bei  der SKV Büttelborn, dem Heimatverein von Fips Wacker.

Hans-Dieter "Fips" Wacker galt Ende der 1970er Jahre als eines der ganz großen Eintracht-Talente,wurde als Nachfolger von Jürgen Grabowski gehandelt und musste seine Karriere unter tragischen Umständen bereits in jungen Jahren beenden bevor sie richtig begonnen hatte.

Die Resonanz auf den Blogeintrag war überwältigend – nie im Leben hatte ich ein so großes und weitgefächertes Echo erwartet. Eintrachtler, die sich noch an das große Talent Fips Wacker und seine Zeit bei der Eintracht erinnerten, Bekannte und Freunde, die froh waren, mehr über das Schicksal von Hans-Dieter Wacker zu erfahren, aber auch junge Eintrachtler, die den Namen von Hans-Dieter Wacker zum ersten Mal hörten und berührt waren, dieses Stück Eintracht-Geschichte für sich zu entdecken.

Der Text war im Eintracht-Archiv eingestellt und inmitten der Eintracht-Familie „angekommen“ – da erreichten mich kurz vor Weihnachten zwei Kommentare, die mir sehr nahe gingen. Astrid, die Frau von Fips Wacker und Tibor, sein Sohn meldeten sich zu Wort. Auch sie überrascht und froh darüber, dass die Geschichte von Hans-Dieter Wacker aufgehoben und erzählt worden war – aber auch ein wenig enttäuscht, dass einige Details nicht richtig dargestellt waren. Keine großen Fehler, aber doch Zwischentöne, Details, die aus Sicht von Fips Familie anders hätten eingeordnet und beschrieben werden müssen. Ich war zunächst ein wenig konsterniert, dann traurig, fast ein bisschen geschockt. Hatte mir so viel Mühe mit dem Text gegeben, hatte die mir - dank der freundlichen und konstruktiven Unterstützung von Ulrich Rein, dem "Chef-Archivar" der SKV Büttelborn - zur Verfügung stehenden Quellen so weit möglich geprüft, zusätzliche Hintergrundinfos recherchiert, bei unklaren Sachverhalten hatte ich ganz bewusst sehr darauf geachtet, sie auch offen darzustellen…

Zwischen den Jahren entschloss ich mich, den Text vorerst aus dem Netz zu nehmen. Auch Frank Gotta stellte den Text, den er fürs Eintracht-Archiv übernommen hatte, noch einmal zurück. Ich nahm Kontakt mit Fips Frau, mit seinem Sohn auf. Wir mailten hin, wir mailten her. Ich entschloss mich, den Text noch einmal zu überarbeiten und zu ergänzen…

Seitdem sind einige Wochen ins Land gegangen. Und jetzt liegt er also vor, der überarbeitete Text für und über Hans-Dieter Wacker – ein wenig verändert und ergänzt, hier und da gekürzt, insgesamt bereichert durch persönliche Details und Erinnerungen, die ich  mit Fips Frau und seinem Sohn abgestimmt habe. Und – ja – wer den überarbeiteten Text noch einmal lesen möchte – er ist jetzt wieder hier im Blog und demnächst dann auch wieder im Eintracht-Archiv eingestellt.

Hier geht's zum neu eingestellten Text:
Hans-Dieter "Fips" Wacker - Ein Fußballerleben

Und hier zur Vorgeschichte:
Besuch in Büttelborn
Zum ursprünglichen Blogeintrag (mit Leserkommentaren)

Auch an dieser Stelle ein herzlicher Dank an Astrid, die Frau von Fips Wacker, und an Tibor seinen Sohn, die den Anstoß zur Überarbeitung des Textes gegeben haben und mich an ihren Gedanken und Erinnerungen haben teilnehmen lassen. Danke für euer Vertrauen!

Sonntag, 20. Februar 2011

Nur noch Zehn!

„Nix wie Fassenacht, Fassenacht, Fassenacht“, pflegte mein Opa kopfschüttelnd zu sagen, wenn er im Januar, Februar, März – je nach „Kampagnenlaufzeit“ – den Lokalteil unserer Tageszeitung auf der Suche nach Neuigkeiten durchblätterte.

„Aufgepasst ihr Narren!“ kündet es heute vom Titelblatt unseres Ortsanzeigers, wo dann im Fließtext berichtet wird, dass „nach dem erfolgreichen Aufleben alter Traditionen in den letzten beiden Jahren“ auch in diesem Jahr wieder ein Abstiegskampf, korrigiere: Maskenball, stattfindet.

Also, ich stelle fest: Bei mir funktioniert er noch: Der fast schon automatisch einsetzende „Meine-Eintracht“-Überlebenreflex, der – klick – immer genau weiß, wann er von dem – bei einem Eintrachtler eigentlich immer eingeschalteten - „Auf-dem-qui-vive-sein"-Modus  auf „Alarm, Alarm“ und "Jetzt erst recht" umspringen muss und mich daran hindert, der Melancholie in mir nachzugeben. „Ihrn Wille könne se net wolle“, sagt Babba Hesselbach frei nach Schopenhauer. Langeweile. Apathie. Gleichgültigkeit. Allein das Denken des Gedankens führt bei mir dazu, dass ein innerer Ruck durch mich geht. Ich bin enttäuscht. Traurig. Wütend. Zynisch. Aber gleichgültig? Nein. Bin. Ich. Nicht.

Auch ratlos fühle ich mich eigentlich nicht. Nein. Ich habe sogar eine ziemlich dezidierte Meinung zu dem, was da im Moment gerade bei und mit der Eintracht passiert. Mehr noch: Ich glaube sogar, für die meisten der im Moment diskutierten Punkte eine Erklärung zu haben. Doch. Glaub schon. Tut aber nichts zur Sache. Weil: Ändern würde es sowieso nichts.

Bei der Niederlagen gegen Hannover haben uns die Nerven verlassen – "wie immer, wenn es mal wieder darum geht, uns oben festzusetzen." "Das war ein Ausrutscher."

Nach  der Niederlage in Hamburg hatten wir das Tal hinter uns und konnten damit anfangen, die Entwicklung zu beobachten und zu verfolgen.

Nach Gladbach stand der Entschluss, dass wir „daran arbeiten (werden), dass hier nichts zusammenbricht.“

Nach dem Punkt in Freiburg dann die Zuversicht, dass „wenn wir so weitermachen, es auch mal wieder einen Sieg" geben wird.  (Mensch. Ächt. Auch mal wieder. Boah.) Aber - Vorsicht ist geboten, denn:  „Wenn wir uns weiter auf Dinge außerhalb des Platzes konzentrieren, holen wir gar keinen Punkt mehr.“

Versprochen und gehalten! Möchte man fast hinzusetzen, wenn man die Spiele gegen Leverkusen und Nürnberg ansieht. Und falls es ein Versprechen gewesen sein sollte, möchte ich die Mannschaft hiermit feierlich und offiziell davon entbinden. Ja, mehr noch, möchte ich sie dringendst dazu auffordern, jetzt umgehend damit anzufangen, die fehlenden, sagen wir mal, zehn Punkte zum Klassenerhalt zu holen. Zehn Punkte. So viele wie Gladbach in der Hinrunde. Ich bitte euch, sogar Hertha BSC hat in der grottenschlechtesten Hinrunde ever in der letzten Erstligasaison sechs Punkte geholt. Arminia Bielefeld – also Arminia Bielefeld – in der Zweitliga-Hinrunde dieser Saison sogar sieben. Zehn Punkte, das muss also drin sein. Egal, wer für die Eintracht auf dem Platz und egal, wer am Seitenrand steht. Das verlange ich einfach von unserer Mannschaft. Und von unserem Trainer, der angetreten ist, die Mannschaft weiterzuentwickeln und jetzt – wie ich zuversichtlich annehme – deswegen doppelt mutig und zielstrebig die Verantwortung dafür übernimmt, die Mannschaft zumindest da wieder abzuliefern, wo er sie übernommen hat: Auf einem Nicht-Abstiegsplatz in der ersten Liga.

There ain’t no easy way out. Aber wir werden ihn auch dieses Mal wieder finden. Zusammen! Eintracht! Und über alles andere – also, darüber reden wir dann später.

Mittwoch, 16. Februar 2011

"Ja, leck mich am Arsch. Ein Fluxus."

„Ja, leck mich am Arsch…“ So begrüßt – wie seit dem letzten Fußballwochenende jeder weiß - der Schwabe in allen Lebens- und Stimmungslagen seine Freunde und Bekannte.

„Ja, leck mich am Arsch – der Rudi“ sagt er z.B. (freudig), wenn er den Rudi schon lange nicht mehr gesehen hat, und ihn zufällig im Baumarkt trifft. „Ja, leck mich am Arsch“, sagt er (verblüfft), wenn er sich am Strand von Fuerteventura die Sonne auf den Bauch scheinen lässt und plötzlich im Meer Tante Hilde erblickt, die er eigentlich in Bopfingen vermutet hätte. „Ja, leck mich am Arsch…“ sagt er (leicht ,-) verärgert), wenn er Bundesliga-Trainer ist und nach einem Spiel auf einen Fernsehreporter trifft, der als Seuchenvogel immer dann auftaucht, wenn’s nicht gut läuft.

„Ja, leck mich am Arsch: Ein Fluxus.“ – Das habe heute morgen ich (= hessisch, verblüfft) gedacht, als ich in der Frankfurter Rundschau den täglichen Bericht über die aktuelle Situation bei der Eintracht und in diesem Zusammenhang über die Aktion eines Eintracht-Fans beim gestrigen Training im Stadtwald gelesen habe.

Fluxus? Häää? Ich sehe sie förmlich, die Fragezeichen über den Köpfen meiner Leser. Und ehrlich gesagt, weiß auch ich erst seit ein paar Wochen, was das ist: Ein Fluxus. Davon erzählt hat mir einer meiner jungen Mit-Adler, der bzw. die ein altehrwürdiges humanistisches Gymnasium besucht und dort von einer etwas schrägen, aber sehr freundlichen Kunstlehrerin unterrichtet wird, die einen avantgardistischen, aktionsbetonten Kunstbegriff vermittelt und vor allem die Fluxus-Bewegung schätzt.

Der Kunstkurs bekam  also die Aufgabe, ein vorgegebenes Thema in Form einer Fluxus-Aktion zu gestalten. Nicht das Kunstwerk, sondern der künstlerische Schaffensprozess, die Tat, der Ort, der Moment sollten dabei ins Zentrum gerückt, Alltagsgegenstände, Musik, Videos, was auch immer zu einer lebendigen Collage zusammengefügt und zu einer Aussage verdichtet werden.  Aufrütteln. Überraschen. Auslöser sein, für ein gemeinsames Erleben von Künstlern und Zuschauern. Das ist das Ziel der Fluxus-Aktion. Und so wird der Fluxus zu einer Art Existenzerforschung und eröffnet neue Erkenntniszusammenhänge. (Mein Mit-Adler hat z.B. die Existenz erforscht, indem sie gemeinsam mit einer Freundin einen Tisch liebevoll gedeckt und dann ein – zunächst unter einer Käseglocke verborgenes – Schweineherz serviert und darauf eingestochen hat. Aber das ist ein anderes Thema.)

Zurück zum Trainingsgelände der Eintracht, zurück zu dem Ort also, an dem gestern der Fluxus abging. Stand-up-Fluxus. Einfach so. Aus dem Off. Ohne, dass Fluxus drauf stand, war Fluxus drin.

Ein Eintracht-Fan - leidend, entnervt, voller Sorge, über das, was noch kommt – will ein Zeichen setzen und verfasst einen offenen Brief an die Mannschaft und die Verantwortlichen der Eintracht. Er befestigt das Schreiben an einem Amanatidis-Trikot, drapiert das Trikot samt Brief auf einem Gestell, rammt das Gestell auf dem Trainingsgelände in den Boden und fordert die Spieler auf dem Weg in die Kabine zum Lesen auf. Sie tun es.

Tatsächlich: Ein vollendeter, ein wahrer und wirklicher Fluxus. Keine kunst- und lebensferne Theorie. Ein Akt der Befreiung. Spontan und vielleicht deswegen so perfekt dem Geist des Fluxus entsprungen. Die Materialcollage, die - ebenso einfach wie verblüffend – die aktuelle Situation symbolisiert. Der Ort und der Zeitpunkt des Geschehens. Der Akt des in den Boden-Rammens. Die durch den Akt in Gang gesetzte Interaktion. Vielleicht Auslöser und Beginn einer wunderbaren Transformations - und Entwicklungspartnerschaft  zwischen uns Fans und der Mannschaft. Zwischen Amanatidis und Skibbe. Zwischen der oberen und der unteren Tabellenhälfte. Zwischen Ying und Yang. Großartig.

Ich hab’s ja schon immer gewusst: Nicht für die Schule, für den Fußball lernen wir. Ja, leck mich am Arsch.

Montag, 14. Februar 2011

Sonntag, 13. Februar 2011

Kleinholz. Nach dem Spiel der Eintracht gegen Leverkusen.

Es ist schon merkwürdig, wie manchmal Dinge geschehen, vollkommen unabhängig voneinander, und sich dann miteinander vermischen. Das eine passiert hier, das andere dort. Groß. Klein. Hat nix miteinander zu tun und am Ende sitzt man da und denkt – tatsächlich, so war das heute. Erst war das, dann war das und es passt zusammen. So als gäbe es ihn doch, den großen Match- tschuldigung - Weltplan. Every grain of sand.

Wir wohnen und arbeiten ländlich. Vor meinem Bürofenster steht eine mächtige Kiefer.  Wenn ich während der Arbeit nachdenke – was durchaus öfter vorkommt - verfängt sich mein Blick häufig in den Zweigen, der Baum ist voller Vögel, sogar einen Buntspecht und einen Gimpel habe ich schon entdeckt. Eichhörnchen turnen in den Zweigen.

Unserem Nachbarn ist der Baum ein Dorn im Auge. Er steht an unserer Grundstücksgrenze, auf einem unbebauten Rasenstück, leicht schräg. Der Nachbar befürchtet - trotz anderslauternder Gärtnerischer Meinung - der Baum könnte ins Rutschen kommen. Bisher hatten wir ein Stillhalteabkommen – nein, er wird den Baum nicht fällen, wenn wir nicht einverstanden sind. Am Freitagnachmittag dann die Kehrtwende: Er muss jetzt aktiv werden. Er kann nicht anders. Wir argumentieren, erst sachlich, zunehmend ärgerlich, genau genommen bin ich kurz davor auszurasten. Halb im Ernst überlege ich, die Straße am nächsten Tag mit „Mein Freund der Baum ist tot“ zu beschallen, Plakate zu malen – ach was, das ist ja alles albern, Quatsch, Unfug – will mich nicht lächerlich machen, will keine Grundsatzdebatte. Will nur, dass der Baum stehen bleibt. Aber der steht auf des Nachbars Grundstück, es ist sein Baum, sein Recht. Und wer das Recht hat, etwas kaputt zu machen, der tut es.

Am Samstag morgen hören wir bereits um acht Uhr das Baumfällkommando anrücken, ein letzter Versuch – wir übernehmen Risiken, Kosten, die ggf. künftig anfallen könnten und in den imaginären Befürchtungen des Nachbarn eine Rolle spielen, aber nein, der Baum – O-Ton des Nachbarn, der nicht nur Polizist, sondern auch Lokalpolitiker ist - ist „nicht mehr beherrschbar“ - und jetzt sehen wir erst das ganze Ausmaß des Elends: Es geht nicht nur um diesen einen Baum vor meinem Fenster, auch den anderen Bäumen auf seinem Gelände rückt der Nachbar zu Leib, drei hohe Birken, Teil einer eingewachsenen Gartenlandschaft, werden ebenfalls niedergemacht. Fühle mich hilflos. Elend. Wütend. Das kann doch alles nicht wahr sein und doch. Genau so ist es. Ich schaue hin. Man muss hinschauen. Nützt ja nix. Meine Augen brennen. Dann ist es Zeit zum Aufbruch ins Stadion. Wir fahren los, hinter uns rattern die Sägen.

Ich habe mein Ama-Shirt an, darüber meine Eintrachtjacke. Nein, mir geht es nicht darum, Ama gegen Skibbe auszuspielen – aber irgendwie will ich zumindest deutlich machen, dass es so nicht geht. Dass hier etwas zertreten worden ist, dass nicht so einfach wieder repariert werden kann. Dass Ama Teil dieser Eintracht ist und zwar gerade deshalb, weil er so ist wie er ist.

Bei uns im Block geistert das Gerücht – die Ultras, die machen was. Yep. Mensch – das wär’s. Eine über dem Block entrollte Griechenfahne und in der Mitte ein Adler. Hihi. Oder eine Adlerfahne mit kleinem blauweisen Herz. Oder einfach ein: Die Eintracht das sind wir. Ein Signal an alle im Stadion. Ein Signal an die Mannschaft. Wir! Alle! Und dann rausgehen und Leverkusen vom Platz fegen.

Aber es ist nichts mit dem Zeichen aus der West. Ein Banner wird entrollt. (Stimme neben mir:„Was heißt das? Ich kann kein Italienisch?“) Ok. Die Ultras haben mit sich zu tun. Ich bin sicher, es handelt sich um eine sehr wichtige Ultra-Szene-interne Solidaritätsaktion. Das hat Vorrang, klar. Und so ist es irgendwie, als ob wir uns schon vor dem Spiel gegenseitig allein lassen. Wir uns. Die Mannschaft sich selbst. Wir die Mannschaft. Die Mannschaft uns. Überhaupt – die Mannschaft. Gibt es die überhaupt noch? Die Körperhaltung. Die Müdigkeit der Bewegungen. Bereits ein paar Sekunden nach dem Anpfiff ist die Luft raus. Das erste Tor der Leverkusener nach vier Minuten. Hat überhaupt jemand gezuckt?

Selbst die Leverkusener scheinen es nicht ganz glauben zu können, gegen was oder wen sie da spielen. Hyypiä winkt mehrfach. Hallo, kuckt mal, wie frei ich stehe. Vidal verteilt die Bälle, nach links, nach rechts, ach – vielleicht noch mal links. Platz genug ist. Sie können es sich aussuchen, wir hindern sie nicht. Halbherzig die Abwehrversuche. Kein Ansatz zu irgendeiner Bewegung nach vorn. Kein Zweikampfverhalten. Kombinationsspiel? Verschieben? System? Herz? Kampf? Fußball? Findet heute - zumindest bei uns - nicht statt.

Einzig Sebi Jung scheint die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt zu haben und kämpft und müht sich. Der Rest der Mannschaft apathisch, leblos. Pseudo. Und auch ich erlebe das Spiel als stünde ich neben mir, das Gefühl wie unter einer Käseglocke. Geräusche dringen von weit her. Gellende Pfiffe. Ich habe keine Lust, keine Kraft zu schreien, nehme hin was geschieht. Ziehe mir meine Kapuze über den Kopf. Wir müssen nehmen, was jetzt kommt. Wie ein Boxer. Stehen bleiben, nicht umfallen. Wie viel Tore werden wir bekommen? Drei, vier, fünf?

Ein Trümmerhaufen. Das. Ist. Ein. T r ü m m e r h a u f e n. Denke ich. Und da fällt er mir ein, der Baum vor meinem Fenster, der wohl im Moment ebenfalls ächzt und kracht und zersplittert.

Altintop und Fenin laufen sich bereits nach zehn Minuten warm. Der fränkische Bayern-aber-auch-irgendwie-Eintracht-Fan vor mir beobachtet durch sein Fernglas, was Ama auf der Tribüne macht. („Da sitzt eine blonde Frau neben ihm.“ „Er lacht.“) Ach.

Tatsächlich wechselt Michael Skibbe heute bereits zur Pause. Wie erwartet rutscht Köhler, der arm Kerl, nach links hinten. Wir spielen jetzt mit zwei Spitzen und für bessere Tage halten wir fest: Das tut dem Spiel gut. Altintop ist es, der die wenigen Lichtpunkte an diesem Nachmittag setzt. Eine auffallend starke, saubere Leistung. Er setzt sich durch,  bemüht sich, Linie ins Spiel zu bringen, arbeitet Torchancen (für Meier, für Gekas) heraus. Aber obwohl wir jetzt zwanzig Minuten so etwas wie Angriffsbemühungen zeigen, uns die ein oder andere gute Chance erarbeiten, Adler sogar zeigen muss, was er kann und die Westkurve wieder hüpft – ein Nebel von  vorbei und vergeblich liegt in der Luft. Oder liegt es an mir, dass ich heute an nichts mehr glauben kann und will? Es ist alles „als ob“.

Könnte sein, dass wir hinterher zu hören bekommen werden, dass, wenn wir die ganze Zeit so, wie in der ersten Viertelstunde der zweiten Halbzeit gespielt hätten, dann… Ja, was dann? Das dritte Tor der Leverkusener ist wunderbar herausgespielt. Dopp. Dopp und nochmal dopp. Wir stehen Spalier, Oka reckt sich. Eene meene Miste, es rappelt in der Kiste.

Fast fluchtartig verlassen wir nach dem Abpfiff das Stadion, auf dem Weg zum Auto werden meine Schritte immer langsamer. Ich will hier weg, habe es aber nicht eilig nach Hause zu kommen, fürchte mich vor dem Anblick, der mich erwartet. Noch ein Zwischenstopp an der Tankstelle. Durst. Die Autobahn glänzt nass. Abfahrt. Rheinhessenstraße.

Wir sind in Selzen. Mit-Adler absetzen. Jetzt.Wir biegen um die Ecke in unsere Straße und einen Moment hoffe ich noch, der Nachbar habe vielleicht doch, in letzter Sekunde… Nein, hat er nicht. Auch hier bleibt keine Frage offen. Alles Kleinholz.

Gut, dass es schon dunkel ist, der Blick auf das ganze Ausmaß des Grauens bleibt mir also zumindest heute abend erspart. Setze mich auf das Bänkchen hinterm Haus. Bin müde. Starr. Hohlig. Weh. Fröstele. Es regnet. Kaltes Bier. Tränen laufen mir über die Wange. Eines der beiden kleinen Kätzchen, die seit zwei Wochen bei uns wohnen, streicht mir maunzend um die Beine. Hey du.

Was für ein Scheiß-Tag.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Rollerollerolle

Bisquitrolle. Zimtrolle. Frühlingsrolle. Zitronenrolle. Rolle vorwärts. Rolle rückwärts. Rollenspiele. Rollentraining. Rollenverteilung. Rollenbesetzung. Hauptrolle. Nebenrolle.

Ioannis Amanatidis jedenfalls „spielt keine Rolle mehr in den Planungen von Michael Skibbe.“ Sagt Michael Skibbe. "Vorerst." Bestätigt die Homepage der Eintracht die "klare Ansage" des Trainers.

Mal sehen, was jetzt sonst noch so alles ins Rollen kommt.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Tor-App - Zum Herunterladen!

Offiziell von der katholischen Kirche abgesegnetes Beicht-App? Häh?  Das können wir auch – sogar noch besser.

rotundschwarz proudly presents - das  innovative Eintracht-Frankfurt Tor-App:


Wer auf dem Platz Ladehemmung hat, kann ab sofort auch in der U-Bahn oder zu Hause im Wohnzimmersessel etwas dagegen tun: Der Hersteller "Little iÄppler" hat jetzt das offizielle „Tore sind möglich“-App für Smartphones auf den Markt gebracht. Die Anregung für das Programm soll von ganz oben gekommen sein.

Fußballer von Eintracht Frankfurt, die seit längerer Zeit keine Tore mehr erzielt haben, haben ab sofort die Möglichkeit, per Handy Buße zu tun und um Hinwegnahme des Fluches zu bitten. Der Eintracht-Aufsichtsrat hat eine „Volltreffer“-Application für Smarthpones befürwortet. Für zwei Euro führt die Anwendung namens „Nimm den Torfluch von uns“ -Schritt für Schritt durch die Kunst des Toreschießens – abhängig von der Position des Spielers, von der Schuhgröße und von der Dauer der Torflaute.

Zunächst muss der Nutzer ankreuzen, welche Arten von Torschüssen er in letzter Zeit besonders häufig versemmelt hat. Auch individuelle Bekenntnisse per Texteingabe sind möglich, wie auf der Seite des Herstellers „Little iÄppler“ zu sehen ist. Im Gegenzug macht das Programm Vorschläge, welche Gegenmaßnahmen als Wiedergutmachung nützlich wären. Ganz oben auf der Liste: Einfach mal wieder treffen. Weniger bundesligaerfahrene Fußballer können sich Trainingsanweisungen - wahlweise auch Gebete zum großen Fußballgott - gleich mit anzeigen lassen.

Beteiligt an der Entwicklung des Programms war die Scouting-Abteilung der Eintracht in Zusammenarbeit mit der in Sachsenhausen ansässigen Software-Firma „My Caio Enterprises“. Die App soll Frankfurter Fußballern die Scheu vor dem Tor nehmen, sagte rotundschwarz, offizielle Pressesprecherin von "Little iÄppler". Die Eintracht stellt jedoch klar: Das Programms soll den Torschuss auf dem Platz nicht ersetzen – das Befördern des Balles in die Maschen des gegnerischen Tores während eines Spiels sei weiterhin notwendig.

Die Anregung für das Programm komme sogar von ganz oben: Eintracht-Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen habe im Vorjahr in einer Rede die Mannschaft von Eintracht Frankfurt dazu ermutigt, vor dem Tor auch neuartige, kommunikative Technologien zu nutzen.

Noch können lediglich Nutzer von Äppler-Geräten ihre Torflaute per Torschuss-App beseitigen. Versionen für andere Systeme sind laut Hersteller jedoch in Arbeit.

***Ähnlichkeiten mit der Vorstellung des Beicht-Apps auf Spiegel online sínd rein zufällig und von rotundschwarz nicht beabsichtigt ,-)***

Montag, 7. Februar 2011

Die Frage aller Fragen

Gestern, nachdem das Spiel in Freiburg abgepfiffen worden war, war es bei uns im Wohnzimmer, wo wir uns das Spiel in einer kleinen Adler-Gruppe angeschaut hatten, zunächst still. Fast schon unheimlich still. Und dann brach es fast gleichzeitig aus allen Ecken los. „Hast du gesehen…“ „Hätten wir nicht…“ „Eigentlich können wir doch…“ „Was hat…“ „Wäre besser gewesen, wenn…“ „Ich versteh einfach nicht….“  Und schließlich: „Warum…?“

Flashback

Es ist schon ein paar Jahre her. Wir sitzen in einem kleinen Schulungsraum, fünf oder sechs Leute, eine Pinnwand, zwei Flipcharts. Meeting. Wir sind das Teilprojekt eines großen Projekts in einem großen Konzern und haben die Aufgabe, eine Präsentation unserer bisherigen Ergebnisse vorzubereiten. Wir sind eine sehr gemischte Gruppe, unterschiedlich alt, unterschiedliches Hintergrundwissen, alle sehr engagiert, zwei Frauen, drei Männer, – darunter Herr B., ein kluger, schon weißhaariger älterer Herr.

Heute sitzen wir schon eine ganze Weile zusammen, diskutieren und reden uns die Köpfe heiß. Also wir hier, in unserem Teilprojekt, wir wüssten ja schon, was Sache ist und wie man das Thema anpacken müsste – aber natürlich sind wir abhängig von dem, was die anderen machen und planen. Und da scheint es leider im Argen zu liegen. Oder doch nicht? Wir wissen es nicht. Immer häufiger kreisen wir in unserer Diskussion um einzelne Punkte, die wir nicht verstehen. Oder doch: Wir verstehen das alles schon ganz gut, wir wissen ja, was wir wollen und wie es gehen könnte - aber uns fehlen einfach ein paar entscheidende Informationen.

Die Flipcharts sind vollgekrakelt, die Diskussion dreht sich im Kreis. Einem von uns - Herrn H. – wird das schließlich zu bunt. „So geht das nicht – ich gehe jetzt rüber und versuche rauszufinden, was die anderen eigentlich machen.“ Ja, gute Idee, das. Wir pflichten ihm bei. Natürlich. Das wird das Beste sein. Gehen Sie rüber. Machen Sie das! Recht hat er.

Und dann - die Szene, die sich mir eingemeißelt hat für alle Ewigkeit. Wie ein Sinnbild für das große Rätsel des Lebens, um das wir verzweifelt ringen und doch niemals lösen können.

Herr H. springt auf. Er trägt ein etwas zu enges Sakko. Seine Rockschöße flattern. Er eilt zur Tür, greift nach der Klinke, die Tür ist bereits einen Spalt geöffnet, fast ist Herr H. schon auf dem Weg nach draußen, da – die Stimme von Herrn B. Ein eindringlicher, fast schon verzweifelter Ruf, der hinter Herrn H. her fliegt, sich in seinen Rockschößen verfängt und nun, ein wenig zittrig, im Raum zu schweben scheint. „Und fragen Sie auch warum…“

Flashbackende

Warum? Die Frage aller Fragen. Auch gestern. Warum spielen wir im Moment so wie wir spielen? Warum haben wir das Fußballspielen verlernt? Warum sehen wir alle, was unser Trainer und die Mannschaft nicht sehen? Oder sehen sie alles richtig und uns fehlen einfach die entscheidenden Informationen?

Herr H. kam damals übrigens unverrichteter Dinge wieder zurück. Keiner da. Ich fürchte, auch wir werden die Antwort auf unsere Fragen vorerst verschieben müssen. Zumindest bis zum nächsten Samstag.

Sonntag, 6. Februar 2011

Einfach cool. Vor dem Spiel der Eintracht in Freiburg.

Am Freitagabend hatten wir Einkaufsversammlung in unserer Rheinhessenliga. Die Zeit der Unruhe, der (Last-Minute)-Transfers oder Fast-Transfers in der Bundesliga vorbei – Zeit für uns, um auch in unserer Liga die Mannschaften wieder auf Stand zu bringen, den 25er-Kader auf einzelnen Positionen noch einmal zu sichten und nachzubessern für den Endspurt im Meisterschaftsrennen.

Wie im wirklichen Leben und in der wirklichen Liga, gab es einiges zu tun.

In fast allen Teams mussten Weggänge und Ausfälle kompensiert werden – z.B. Edvin Dzeko, Demba Ba, Ivan Rakitic, Shinji Kagawa, leider auch Chris und Ümit Korkmaz. Ruud van Nistelrooy (ach nein, der ja doch nicht ,-). Jede Menge im Sommer erstandene Werderaner (Tim Borowski, Aaron Hunt, Marko Arnautovic) wurden wieder auf den Markt geworfen, und – hartumkämpft – durch Spieler ersetzt, für die wir uns im Sommer noch nicht die Bohne interessiert hatten, die aber in der Hinrunde rasant an Wert gewonnen haben. Anatoli Tymoshchuk von den Bayern zum Beispiel. Oder Srdan Lakic aus Lautern. Die letzten frei flottierenden Dortmunder (Kevin Großkreuz, Lukas Pisczek, Antonio Da Silva) waren heiß begehrt, außerdem wurden weitere Lauterer (Ivo Ilicevic, Christian Tiffert) und erstaunlich viele 05er (immerhin ausschließlich von unseren auch in der Bundesliga-Realität den 05ern zugeneigten Ligamitgliedern) verpflichtet. Wenig bis gar kein Interesse bestand an den Schalker Neuzugängen („Ei, isch verpflicht de Charisteas für 10 Millione...“ ), schon eher an Hannoveranern (Konstantin Rausch, Emanuel Pogatetz). Und an Freiburgern: Papis Cissé war natürlich bereits unter Vertrag, aber jetzt sind auch noch Erik Jendrisek (den sich viele Freiburger heute sogar in die Anfangsformation wünschen) und Oliver Baumann in der RHL beschäftigt.

Keine Eintrachtler? Könnte man sich jetzt fragen. Doch. Selbstverständlich sind in den Teams der RHL eine ganze Reihe von Eintrachtspielern vertreten - bei mir z.B. Sebi Jung, Patrick Ochs, Alex Meier, Georgios Tzavellas und (im Nachwuchskader) Sonny Kittel. Auch Oka Nikolov, Pirmin Schwegler und Theofanis Gekas sind unter Vertrag. Aber am Freitag: Nada. Kein RHL-Team hatte Interesse, einen weiteren Eintrachtler zu verpflichten. Mmh. Momentaufnahme. Ist doch klar - das wird sich bis zur nächsten Einkaufsversammlung im Sommer radikal geändert haben.

Ich zitiere einen jungen Mann, der mir gestern Vormittag in der Mainzer Innenstadt begegnet ist. Er schlenderte mit einem Freund über den Mainzer Wochenmarkt, entdeckte mich mit meinem Eintrachtschal und knuffte seinen Freund in die Seite: „Ey...kuckma.... Eintracht Frankfurt. Coole Mannschaft!“

Yep. Cool. Wir. Sind.

Und  ab heute werden wir das auch wieder auf dem Platz beweisen!

Auswärtssieg!

Über den Caio in uns

Muss ich wirklich auch noch was zu Caio sagen? Ich mach’s einfach.

In der letzten Woche, als der Caio-Wechsel nach Moskau perfekt zu sein schien, habe ich angefangen, Caio-Schnipsel für meinen Blog zusammenzustellen. Geschichten von Hoffnung. Vom Scheitern. Von enttäuschter Liebe. Von Hass. Von Wehmut. Von Gleichgültigkeit. Der Transfer scheiterte, Caio blieb und meine Caio-Schnipsel blieben unveröffentlicht.

Und dann geschah es: Caio spielte gegen Gladbach von Anfang an. Caio machte eines seiner besten Spiele für die Eintracht. Und: Caio erhielt bei der wunderbaren Spieler-der-Stunde-Wahl in der Klappergass 82% der Stimmen  82 % - das ist ein gigantischer Wert. Ein Wahlergebnis wie in besten bayerischen Zeiten. Eine Prozentzahl, die nicht einmal der dreifache Tagessieger Theofanis Gekas bei glanzvollen Siegen, aber auch kein anderer einsam aus einer Niederlage herausragender Held – z.B. Oka Nikolov beim - ähem -  0:1 gegen Freiburg, Sonny Kittel bei seinem ersten Spiel von Anfang an in München, Patrick Ochs oder Ricardo Clark bei der Hin- bzw. Rückspiel Niederlage gegen Hannover - erreichen konnte. Auch kein „Hey, wir wollen das du öfter spielst und möchten dir zeigen, dass wir hinter dir stehen“-Voting (z.B. pro Martin Fenin im Pokal-Achtelfinale) kam auch nur annähend in solch schwindelnde Höhen.

82% für Caio – folgerichtig! Nach dieser Woche, dann diese Leistung. Das musste honoriert werden.

Trotzdem glaube ich nicht, dass diese Erklärung ausreicht. Ich denke: Mit der Wahl haben wir die gute, vielleicht sogar herausragende Leistung eines Spielers in einem unterdurchschnittlichen Spiel gewürdigt. Aber irgendwie und vor allem haben wir uns selbst gewählt.

...Wir haben manchmal keine Lust. Wir wollen zwar, aber wir können nicht – oder ist es umgekehrt? In uns steckt mehr als wir zeigen. Wir haben Talent. Und irgendwann, da werden wir ganz groß raus kommen. Manchmal ist uns die Welt zu viel, aber wir machen trotzdem weiter und sind freundlich zu unseren Mitmenschen. Meistens. Wir essen Hamburger obwohl wir lieber Salat essen sollten. Wir haben große Hoffnungen und Träume, aber irgendetwas hindert uns, sie in die Tat umzusetzen. Wir traben mit, weil uns die Kraft fehlt, vorne weg zu laufen. Wir sind ganz froh, in der Gruppe untertauchen zu können, zumindest manchmal. Wir gehören dazu, auch wenn wir oft gar nicht so genau wissen, zu was. Wir haben den Adler auf der Brust, aber manchmal auch ein Hasenherz darunter. Manchmal sind wir schwach und dann blitzt auf, wie stark wir sein können. Manchmal sogar genau in dem Moment, in dem es darauf ankommt. Dann stimmt alles. Und dann, dann bekommen wir endlich die Anerkennung, die wir eigentlich immer verdienen. Jetzt wissen wir, dass wir es können. Ganz sicher: Ab jetzt wird alles gut...

Wenn Caio es schafft, dann schaffen auch wir es. Dann schafft es auch die Eintracht.

Na ja. Oder so ähnlich ,-)

PS: Selbstverständlich - auch meine Stimme ging in dieser Woche an: Caio :-)

Donnerstag, 3. Februar 2011

Von glücklichen Äpfeln

Vorgestern Nachmittag war ich mit meinem Mit-Adler in der Mainzer Innenstadt verabredet. Ich war – was selten genug vorkommt – zu früh, und da stehe ich jetzt also vor dem Bio-Supermarkt, an dem wir uns verabredet hatten. Stehe und schaue – und da bleibt mein Blick an einem Korb mit Sonderangeboten hängen. Lauter kleine bunte Fläschchen. „…von glücklichen Äpfeln“ lese ich. Oha. Was ist das denn? So etwas ähnliches wie freilaufende Tomaten? Dioxinfrei? Ohne Muffenfett? Glückliche Äpfel…

Flashback.
Als ich ein kleines Mädchen war, fuhr ich in den Sommer- und Herbstferien regelmäßig mit meinem Opa in den Odenwald. Zwei Reiseziele standen zur Auswahl: Entweder der Heimatort meines Opas – die alte Schreinerei in Reichelsheim, zu meiner Tante Dina – oder in den Heimatort meiner Oma – nach Ober-Ostern, wo wir bei entfernten Verwandten wohnten. Ich war immer hin- und gerissen, wo ich lieber hin wollte:

Meine Tante Dina hatte einen kleinen Laden, der über die Jahre vom Hinterzimmer-Lädchen zu einem richtigen kleinen Supermarkt wurde. Dort durfte ich mithelfen, und wenn es nichts zu tun gab, saß ich stundenlang in dem kleinen Lagerräumchen hinter dem Laden, in dem es nach Waschpulver, Reis und Tütensuppen roch, und las mich von oben nach unten durch einen Berg von Lore-Romanen. Zum Abendessen durfte ich mir manchmal etwas zum Essen aus dem Laden aussuchen – eine Dose Thunfisch oder eine Ecke Salami-Schmelzkäse, an der ich dann die ganze Woche aß – und Samstags verzog ich mich mit einem kleinen Transistorradio auf den Wiesenhügel hinterm Haus und hörte die Bundesliga-Konferenz.

In Ober-Ostern waren die Ferien deutlich ländlicher, wir waren dort auf einem großen Bauernhof. Das war fremd und spannend und aufregend, aber vor allem auch irgendwie beängstigend. Mein Zuhause in Rüsselsheim war einfach und hatte wenig städtisches „Flair“ – hier war ich aber auf einmal dann doch das „Stadtkind“. Der Bauer war finster und wortkarg. Das Klo war ein Plumpsklo draußen über dem Hof, in dem der nachts von der Kette gelassene Hund Wache hielt. Zum Abendessen gab es Wurstbrot und kuhwarme Milch –igitt – und ich kämpfte einen heimlichen, aber erbitterten Kampf mit der jüngsten Tochter des Bauern, die etwa so alt war wie ich und mich – wann immer sich die Gelegenheit ergab und keiner hinsah, - ganz ekelhaft kniff und knuffte. Das Bauernhaus war großzügig, aber karg und funktional, im Sommer angenehm kühl – aber im Zimmer bleiben und lesen – das gab es nicht. So lange es hell war, waren alle draußen, auch ich. Die Welt war blau und weit, stank nach Kuhmist, aber auch nach Heu und Gras und Sonne und sie war voller Apfelbäume.

Ob in Reichelsheim oder in Ober-Ostern: Meinen Opa bekam ich in all den, manchmal sehr langen Ferienwochen, selten zu sehen. Er, der in seinen jungen Jahren den Beinamen „der schöne Schorsch“ gehabt hatte, war immer geschäftig unterwegs. In Rüsselsheim ohne sein Fahrrad nicht zu denken, ging er hier zu Fuß - half hier, half dort, war eben noch hier und dann für die nächsten Tage verschwunden - und ich versuchte irgendwie allein zu Recht zu kommen, was mir meistens gelang, manchmal nicht.

Mein Opa war als Schreiner gefragt, aber er galt auch als begnadeter Obstpflücker. Keiner stieg so hoch wie er, keiner war so sorgfältig, auch noch den letzten Pfirsich, den letzten Apfel, die letzte Birne, die dicksten Kirschen ganz oben im Geäst zu pflücken und sorgsam in die bereitgestellten Steigen oder Körbe zu packen...

Flashbackende.

Wieder zurück in der Realität. Mir ist kalt. Aaah - da ist ja auch mein Mit-Adler, pünktlich wie immer. Mein Blick fällt noch einmal auf die vor mir liegenden kleinen, bunten Fläschchen. Pah, wenn es überhaupt so etwas geben kann, wie glückliche Äpfel - dann waren es die, die mein Opa damals gepflückt hat. Und wer einen Apfel, der zusammen mit Maracuja und Pfirsich zu Apfelwein verarbeitet  und dann auch noch süß gespritzt wird, als glücklich bezeichnet, dem sollte es eigentlich ergehen, wie dereinst Lothar Matthäus: Er soll in der Hölle (Abteilung: Hessische No-Gos!) schmoren.


Dienstag, 1. Februar 2011

Hans-Dieter "Fips" Wacker - Ein Fußballerleben

Hinweis! Beim folgenden Text handelt es sich um die überarbeitete Fassung des Originaltextes vom 11.10.2010 (KD/Im Februar 2011)

Für Tibor, der seinen
Vater nicht mehr
kennenlernen konnte
und dem die Erinnerung
an ihn so viel bedeutet.

Hans-Dieter Wacker wurde am 28. Dezember 1958 in Roßdorf geboren. Dort lebte er zunächst bei seinen Großeltern und dort wurde ihm der Fußball sozusagen in die Wiege gelegt. Oma und Opa lebten in der alten Schule und dort gab es – wie das so ist bei alten Schulen – einen großen Innenhof. Fips tat, was die meisten kleinen Jungs in seinem Alter getan hätten: Er nutzte den Hof zum Spielen, zum Fußball Spielen. Schon der kleine Bub war immer mit dem Ball unterwegs – Fußball, Fußball, Fußball – und so war es nur folgerichtig, dass er mit acht oder neun Jahren einem richtigen Verein bei trat – der SKV in Büttelborn. Schnell zeigte es sich, dass der Fibbes (wie er damals wegen seines ursprünglichen Nachnamens – Fiebig – genannt wurde), nicht nur gerne Fußball spielte, sondern Talent hatte. Also: Richtiges Talent, „keiner von denen, die heute schon als Jahrhunderttalent gelten, wenn sie unfallfrei einen Ball über drei Meter zupassen können“ – sondern ein wirklich überragendes Ausnahmetalent. „Der konnte ganze gegnerische Teams schwindelig spielen“, erinnert sich Uli Rein, Rekordtorhüter der SKV Büttelborn und in jungen Jahren Teamkollege von Fibbes. „Der konnte sich an der Mittellinie den Ball schnappen und nach einem Sololauf übers halbe Spielfeld den Ball im gegnerischen Tor versenken. Das war beeindruckend.“ „Eckbälle drehte Fips direkt ins Tor hinein – darin war er einmalig“, erinnert sich seine Frau.

Büttelborn ist ein kleiner, nicht besonders aufregender Ort im hessischen Ried, ländlich geprägt, trotz Nähe zur Kreisstadt Groß-Gerau und zu Opel in Rüsselsheim. Spargeläcker. Zuckerrüben. Reges Vereinsleben. Wie in vielen anderen kleinen Orten Anfang/Mitte der 7oer war das Leben von Fibbes, und den anderen Jungs in seinem Alter vom Fußball geprägt. Sie schwärmten für die Eintracht und für Jürgen Grabowski und standen bei Heimspielen im Waldstadion im Fanblock und feuerten ihre Eintracht an. Sie trainierten bei der SKV und wenn kein Training angesetzt war, zogen sie trotzdem jeden Nachmittag zum Sportplatz, um dort Fußball zu spielen. Stundenlang. „Das war das beste Training – für Fips und für uns alle.“

Fips muss ein Kämpfer gewesen sein, denn der Bub hatte bereits als Kind und Jugendlicher einiges zu verkraften. Im Alter von 9 bis 11 Jahren folgten hintereinander drei Operationen am Ohr, mit 13 überstand er eine schwere Hirnhautentzündung. Das war kurz nachdem er 1972 in Duisburg-Wedau bei den Landesverbandmeisterschaften der C-Jugend mit der hessischen Auswahl die Vizemeisterschaft geholt hatte und – unter den Augen des damaligen Bundestrainers Helmut Schön und des Gladbacher Trainers Hennes Weisweiler – zum besten Torschützen des Turniers gekürt worden war.

„Eines Tages hatte ich plötzlich Kopfschmerzen, ich konnte den Nacken nicht bewegen, meine Temperatur kletterte auf 40,2 Grad und nach einem Tag Bettruhe waren meine Beine gelähmt“, erzählt der damals 14-Jährige einer Regional-Zeitung, die über die hessische Schülerauswahl berichtet. Infektion mit Tetanus-Viren. 6 Wochen auf der Intensivstation im Rüsselsheimer Krankenhaus. Die größte Sorge des Jungen: „Vielleicht kann ich nie wieder Fußball spielen.“

Doch. Er kann und er kommt wieder. Nur 6 Wochen nachdem er das Training wieder aufgenommen hat, wird er von Karl-Heinz Heddergott, der damals für den DFB die Schülerauswahl betreute, bereits wieder zum jährlichen Schülerlager eingeladen. Ein Jahr später spielt er in der hessischen Schülerauswahl. Hans-Dieter Fiebig (im Bild links vorne) trägt die Nummer 10 und ist das Herzstück der Mannschaft. Ein Zeitungsbericht aus dieser Zeit bescheinigt ihm „energisches Nachsetzen“ und schwärmt von seiner „eleganten Ballführung“. „Kaum zu glauben“, heißt es weiter im Text, „dass dieser Bursche vom Tod gezeichnet war. – Ein vierzehnjähriger mit der Erfahrung eines reifen Mannes.“

In der Hessenauswahl bei Karoly Nemeth, dem ehemaligen ungarischen Nationalspieler und damaligen Trainer der Hessenauswahl, erhält Hans-Dieter dann seinen endgültigen Spitznamen . Aus dem eher hessisch angehauchten „Fibbes“ wurde „Fips“ – und dabei blieb es.

Auch auf Vereinsebene war Fips erfolgreich: Innerhalb kurzer Zeit hatte er sich zum überragenden Büttelborner Jugendspieler entwickelt, nicht nur in seiner eigenen Altersklasse, sondern auch bei den Größeren. Im Jahr 1973 mit noch nicht einmal 15 Jahren wurde er – gemeinsam mit dem Team um den zwei Jahre älteren Uli Rein –Kreis- und Bezirksligameister der A/B-Jugend. Das Team qualifizierte sich für die A-Jugendbezirksliga. Auch höherklassige Vereine wurden auf den talentierten Jungen aufmerksam. Im Laufe der Saison 73/74 wechselte Hans-Dieter Wacker - Fips hatte zwischenzeitlich den Namen seines Adoptivvaters angenommen - zur Eintracht. Er spielte in der Schülernationalmannschaft. Zum Saisonabschluss trug das Nachwuchsteam damals immer ein Länderspiel gegen England aus, das wechselnd in Berlin oder in London stattfand. Fips war dabei - mit der Nummer 10 auf dem Rücken stand er im Jahr 1974 im Wembley-Stadion vor über 60.000, meist jugendlichen Zuschauern auf dem Platz – und brachte sogar Bobby Charlton ins Schwärmen: „Das wird einer.“

„Das wird einer,“ dachte sich auch die Eintracht, Jürgen Grabowski sah in ihm seinen potenziellen Nachfolger – Fips schien mit 16 dem Ziel seiner Träume sehr, sehr nahe zu sein. Zusammen mit Martin Haskamp (Werder Bremen) und Klaus Santanius (Schalke 04) war er Held der Langzeitdokumentation „Der Rasen ihrer Träume“, jeweils im Drei-Jahresabstand wurde vom Karriereverlauf der Nachwuchsfußballer berichtet – am Ende eine Geschichte der Ernüchterung, wenn nicht gar der geplatzten Träume. Martin Haskamp schafft es bei Werder ebenso wenig sich durchzusetzen wie Klaus Santanius bei Schalke. Fips Wacker stand für den Dreh des dritten Teils im Jahr 1980 nicht mehr zur Verfügung.

Aber zurück ins Jahr 1975. Fips Wacker spielt erfolgreich bei der A-Jugend der Eintracht . Zusammen mit Ronny Borchers bildet der technisch brilliante Mittelfeldregisseur eine Art Dreamteam. Am Rande eines Internationalen Jugendturniers in Zoetermeer, in der Nähe von Den-Haag, lernt er seine Freundin (und spätere Frau) Astrid kennen. Die Eintracht-Jugend setzt sich gegen Mannschaften wie Macabi Tel aviv, Paris St. Germain, Ajax Amsterdam durch und fährt als Turniersieger wieder zurück nach Frankfurt. Fips trainiert und spielt bei der Eintracht, aber – fußballverrückt wie er nun mal ist – schiebt er immer noch ein paar zusätzliche Trainingseinheiten bei seinem alten Verein, auf dem Sportplatz in Büttelborn, ein, macht Torschusstraining und ballert seinem früheren Mannschaftskollegen Uli Rein die Bälle um die Ohren. Im Herbst 1976 dann der Rückschlag: Eine schwere Knieverletzung nach einem A-Jugendspiel gegen Union Niederrad. Meniskus- und Bänderoperation bei Professor Heß. Rekonvaleszenz. Aufbautraining. Anschluss wieder geschafft. Ein Jahr später im Oberliga-Spiel gegen die SG Höchst wieder eine Verletzung. Das gleiche Knie, der Außenmeniskus. Erneute Operation. Fast sieht es so aus, als sei Fips Wacker bereits mit 18 Jahren auf dem Weg in die Invalidität. Aber er lässt sich nicht unterkriegen, kämpft sich wieder heran, auch dank der der geduldigen Unterstützung von Arda Vural, dem türkischen Konditionstrainer der Eintracht.

Seit der Saison 1977/78 gehört Fips Wacker zum Profi-Kader der Eintracht. Die Bilder aus dieser Zeit zeigen einen gut aussehenden jungen Mann, mit vielleicht ein wenig weichen Gesichtszügen, der ein wenig schüchtern in die Kamera lächelt. Während der - nach allgemeiner Einschätzung eigentlich weniger talentierte - Ronny Borchers in der ersten Mannschaft und auch in der Nationalmannschaft durchstartet, will Wacker der Durchbruch einfach nicht gelingen. Liegt es an den Verletzungen? Liegt es daran, dass – wie Bernd Hölzenbein später mutmaßte – da ja auch noch große Jürgen Grabowski vor ihm war? Er hadert mit Trainer Otto Knefler, versteht nicht, warum er bei anderen Klubs angepriesen, als mögliche Leihgabe in den höchsten Tönen gelobt wird und für die Eintracht nicht gut genug sein soll. Im Mai 1979 kommt er zu seinem ersten und einzigen Bundesligaeinsatz für die Eintracht – beim 0:0 gegen Nürnberg wird er in der 85. Minute für Wolfgang Kraus eingewechselt. Hans-Dieter Wacker plagen Selbstzweifel, er hat einfach kein Vertrauen mehr zu sich selbst, ist verzweifelt. Die Eintracht überlegt, ihn auszuleihen. Fips möchte der Entwicklung zuvorkommen und streckt seine Fühler aus.

Am Ende der Saison 78/79 sieht es so aus als ob die Wege von Eintracht Frankfurt und Hans-Dieter Wacker sich trennen. Statt des geplanten Leihgeschäfts steht ein Wechsel zum MSV Duisburg unmittelbar bevor. Hans-Dieter Wacker will bei einem anderen Verein noch einmal einen ganz neuen Anlauf nehmen. „Hier bei der Eintracht bleibe ich doch für immer der Fips.“ Die sportmedizinische Untersuchung beim MSV verläuft positiv, der Vertrag ist unterschrieben, die Koffer sind bereits gepackt. Vor dem Umzug unterzieht sich Hans-Dieter Wacker noch einmal einer kleinen Operation, die bereits seit einem halben Jahr immer wieder verschoben wurde – nichts aufregendes, ein kleines Geschwulst am Schlüsselbein, wohl infolge des Krafttrainings nach der Verletzung. Bereits einen Tag nach der OP verlässt Fips Wacker das Krankenhaus – und erhält am folgenden Tag, dem 18. Juni 1979, die Hiobsbotschaft, die sein Leben verändert: Die Geschwulst, die entfernt wurde, war nicht harmlos. Morbus Hodgin heißt die Diagnose. „Der Wacker hat Krebs“, hört er im Stadion einen Fan rufen und sagt, dass das der Moment gewesen sei, in dem ihm selbst erst die ganze Tragweite der Situation bewusst geworden sei. Ja, es ist Krebs, Lymphdrüsenkrebs, aber zum Glück: Heilbar. Nicht streuend, keine Metastasen. Hans-Dieter Wacker hat gute Chancen die Krankheit zu überleben – aber Profisport wird er nie wieder betreiben können.

Die Milz wird ihm entfernt, Bestrahlungen, Chemotherapie – auch jetzt zeigt er sich als Kämpfer. Er will die Krankheit besiegen. In Phasen, in denen es ihm besser geht, wälzt er dicke Bücher, um zu verstehen, was die Krankheit mit ihm macht und wie er den Heilungsprozess am besten unterstützen kann. Es ist weiß Gott keine einfache Zeit für ihn und seine Freundin. Er schafft es. Nach einigen Monaten geht es ihm besser, nach einem Jahr gilt er als geheilt. Den Traum von Profifußballer, von der großen Karriere bei und mit der Eintracht hat er abgehakt, will nicht jammern und konzentriert sich stattdessen darauf sein neues Leben in Angriff zu nehmen. Ist das tatsächlich erst ein paar Monate her, dass er am Riederwald trainierte? Bei der Eintracht scheint er schnell in Vergessenheit zu geraten. Es gibt kaum noch Kontakt, keine Nachfragen oder offiziellen Genesungswünsche, ein Weihnachtsgeschenk der Eintracht-Amateure und eine Weihnachtskarte der Lizenzspielermannschaft von einer Auslandsreise in Ungarn – das war’s.

Während seine ehemaligen Mannschaftskollegen bei der Eintracht in ein Jahr aufbrechen, in dem sie einen der größten Erfolge der Vereinsgeschichte erreichen, den UEFA-Cup nach Frankfurt holen werden, kehrt Fips Wacker im Januar 1980 zurück zur SKV Büttelborn, zu dem Verein, zu dem Sportplatz, von dem aus er so hoffnungsvoll in die große weite Welt des Fußballs aufgebrochen war. Er ist gerade mal 21 Jahre alt. Und auch, wenn es mit dem Hochleistungssport auf Profiebene vorbei ist – Fußball kann und will er weiterspielen. Es gibt Hickhack mit der Eintracht um die Herausgabe des Spielerpasses, überflüssig. Nicht schön. „Keine Freunde in der Not“ heißt die Überschrift eines großen Berichts über Hans-Dieter Wacker, der im März 1980 im Kicker erscheint.

Auch beruflich muss Hans-Dieter Wacker sich neu orientieren – er hat Reisebürokaufmann gelernt und kehrt jetzt in diesen Beruf zurück. Manchmal fährt er ins Waldstadion, nicht auf Einladung der Eintracht – er zahlt seine Karte selbst, will gar nicht auf die Haupttribüne oder in eine VIP-Lounge und sitzt oder steht lieber auf der Gegengeraden – dort, wo die stehen, die wenigstens Ahnung vom Fußball haben. Er trainiert die A-Jugend der SKV, bereits am 16. Januar 1980 bestreitet er sein erstes Spiel nach der Genesung für die SKV-Reserve, Anfang Februar steht er bereits wieder für die erste Mannschaft auf dem Platz. Im August 1980 dann die Hochzeit mit seiner Freundin Astrid – die A-Jugend der SKV Büttelborn steht Spalier.

Das tragische Karriereende von Jürgen Grabowski, der Gewinn des UEFA-Cups – dramatische, aufwühlende, begeisternde Wochen für die Eintracht - in Büttelborn bei Fips Wacker fängt das Leben im Laufe des Jahres 1980 an, in ruhigeren Bahnen zu laufen und wieder eine Kontur zu bekommen. Und dann zeigt es sich, dass er bei der Eintracht doch noch nicht ganz vergessen ist. Es ist Jürgen Grabowski, der ein Benefizspiel der Eintracht gegen die SKV anregt. Ein guter Gedanke, der dann leider nicht sehr glücklich umgesetzt wird. Viel zu früh geistert durch die Presse, dass die Eintracht bereit sei nach Büttelborn zu kommen. Als es dann darum geht einen Termin festzulegen, erweist sich das Vorhaben zunehmend als schwierig. Der Termin wird festgelegt, nach hinten verschoben, kann am neuen Termin dann trotzdem nicht stattfinden, weil die Eintracht in diesen Tagen ohnehin ein Mammutprogramm absolviert und just für diesen Zeitpunkt bereits eine Reise nach Ägypten geplant ist.

Nach mehreren Gesprächen dann die Entscheidung: Also doch der ursprünglich geplante Termin am Mittwoch, dem 8. Oktober. Auch nicht gerade günstig, denn die Eintracht bestreitet am Tag vorher in Brüssel ein Spiel gegen die belgische Nationalmannschaft. Nach 6 Stunden Fahrt kommt der Bus mit den Eintracht-Spielern eine Stunde vor Anpfiff in Büttelborn an. Jürgen Grabowski ist mit angereist und freut sich, dass Fips so gut aussieht („Mann Fips, du siehst ja blendend aus.“), besucht ihn in der Umkleide und gibt alle guten Wünsche mit auf den weiteren Weg. Bernd Hölzenbein ist der herausragende Spieler in einer ansonsten müden Eintracht-Truppe. Beim SKV überzeugen insbesondere Linksaußen Hirsch und Torhüter Uli Rein. Charly Körbel hätte Fips den Ehrentreffer für die SKV gegönnt – leider, klappt nicht – das Spiel endet mit 7:0 nach nur 70 Minuten. Die Dunkelheit ist hereingebrochen und der SKV-Sportplatz hat kein Flutlicht.

Obwohl das Leben von Hans-Dieter Wacker in den kommenden Jahren fern des großen Fußballs verläuft, bleibt es ein Fußballerleben. Ohne Fußball – für einen Fußballverrückten wie ihn nicht denkbar. Im März 1982 erwirbt er seine A-Trainer-Lizenz und betreut – zusammen mit Torwarttrainer Werner Geibel - 1982 und 1983 die B-Jugend des TSV Pfungstadt. Vom 1983 bis 1988 übernimmt Fips die Funktion des Spielertrainers bei der SKV Büttelborn, für die er von 1980 bis 1988 insgesamt 353 Aktivenspiele (Punkt-, Freundschafts- und Pokalspiele) bestritt und dabei 169 Tore erzielte. Die SKV schaffte es in dieser Zeit bis in die Bezirksliga. Auch wenn er physisch nicht mehr ganz so belastbar war wie vor seiner Krankheit, war er dank seiner überlegenen Technik einer der herausragenden Akteure seines Teams.

Im Mai 1988 dann der Bruch mit der SKV. Missverständnisse. Unstimmigkeiten. Persönliche Gründe. Hans-Dieter Wacker bricht den Kontakt ab und arbeitet schon ab Juni bei den Landesligisten TSV Wolfskehlen und Viktoria Griesheim, kehrte nach dem Abstieg der Wolfskehler wieder zurück, um sie zurück in die Landesliga zu führen. In dieser Zeit festigte er seinen Ruf als einer der fähigsten Trainer Hessens, der insbesondere ein Händchen für junge Spieler hatte. Nicht selten kamen die Jungs mit ihren Problemen auch zu ihm nach Hause. Fips konnte zuhören, und wo er helfen konnte, half er – so wie er generell eher einer war, der seine Hilfe anbot als dass er selbst Hilfe von anderen in Anspruch genommen hätte. Ein eher ruhiger, familiärer Typ, der für seine kleine Familie lebte, seinen Hund, die Katze Urmel und die Natur liebte. Zuverlässig, korrekt, freundlich, aber sehr zielstrebig und engagiert. Ein liebevoller Mensch, mit viel Respekt vor Älteren. Keiner der sich in den Vordergrund rückte oder gar auf seine „Bekanntheit“ setzte. Ein Fußballverrückter, der – so die Stimme eines Wegbegleiters – dem Fußballbetrieb zunehmend mit einer gewissen Skepsis gegenüber gestanden habe.

Anfang der 90er dann sein letztes Spiel als aktiver Fußballer. Er bestreitet es für die Alte-Herren-Mannschaft des SV Klein-Gerau, bei dem er zuletzt als Spieler aktiv und dem er freundschaftlich verbunden war.

Alles gut. Bis zu jenem Wochenende im Oktober 1993, vor nun über 17 Jahren. Hans-Dieter Wacker trainierte damals den TSV Wolfskehlen. Es war das Kerbewochenende. Er hatte nachmittags noch das Training geleitet, sogar noch ein Sondertraining mit Rainer Poth, dem damaligen Torwart der Wolfskehler, absolviert. Aber es ging es ihm nicht so gut, nachts bekam er Fieber und fuhr deshalb nicht mit zum Auswärtsspiel des TSV nach Einhausen und erfuhr zu Hause vom Sieg seiner Mannschaft. Nachmittags wurde ein Arzt herbeigerufen, der einen Infekt feststellte. Im Laufe des Nachmittags verschlechterte sich sein Zustand, seine Frau rief in den frühen Abendstunden einen Krankenwagen und fuhr mit ihm ins Kreiskrankenhaus nach Groß-Gerau. Dort dann die niederschmetternde Nachricht: „Wir können nichts mehr für Ihren Mann tun.“ Hans-Dieter „Fips“ Wacker starb am 3. Oktober 1993, nachmittags um 14.29 Uhr. Es war ein Sonntag. Er war 34 Jahre alt und und hinterließ Frau und vier Kinder – die älteste Tochter war damals 8 Jahre, das jüngste Kind - ein Sohn - gerade 5 Monate alt.

Schnell verbreitete sich die Nachricht seines Todes und sorgte in der gesamten Fußballregion Südhessen für Erschütterung. Eine Spätfolge der Krankheit von damals wurde kolportiert – nein, der plötzliche Tod stand in keinem Zusammenhang mit der früheren Krebserkrankung. Die von seiner Frau veranlasste Obduktion ergab: Es handelte sich um einen Septischen Schock, das so genannte Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, das häufig bei Menschen auftritt, denen die Milz entfernt wurde. Umso tragischer, weil eigentlich vermeidbar - durch eine Spritze, die nach einer Milz-Operation heute automatisch verabreicht wird. Nicht damals und nicht bei Hans-Dieter Wacker.

Rund 500 Freunde und Wegbegleiter erweisen Hans-Dieter Wacker bei der Beisetzung auf dem Friedhof in Klein-Gerau die letzte Ehre. Auch die Eintracht hilft dieses Mal schnell und unbürokratisch. Bereits wenige Wochen später, am 17. November 1993 – es war der Buß- und Bettag – fand an der Sandkaute, dem Stadion des TSV Wolfskehlen, ein Benefizspiel für die Familie von Fips Wacker statt. Die komplette Profimannschaft der Eintracht, die damals von Klaus Toppmöller trainiert wurde, reiste an – lediglich Maurizio Gaudino, der bei der Nationalmannschaft war, und die verletzten Manni Binz, Ralf Weber und Tony Yeboah fehlten. Auch Eintracht Vize-Präsident Bernd Hölzenbein beobachtete das Spiel gegen eine Auswahl von Spielern des TSV Wolfskehlen, Viktoria Griesheim und der SKV Büttelborn vom Seitenrand. Es ging um den guten Zweck. Aber dieses Spiel, so betonte Holz, sei auch und vor allem eine Würdigung des Fußballers Hans-Dieter Wacker. Das sahen auch viele andere so: 3.000 Zuschauer waren im völlig überfüllten Wolfskehler Stadion zusammengekommen. Die Eintracht gewann das Spiel mit 4:1, Torschützen für die Eintracht waren Radmilo Mihajlovic und Jörn Andersen, der drei Mal traf.


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Die Eltern von Fips Wacker leben noch heute in Büttelborn und sind der SKV Büttelborn eng verbunden. Fips (Stief)-Vater, der ihn schon als Jungen und Jugendlichen bei allen Spielen begleitete, besucht auch heute noch regelmäßig die Spiele der ersten Mannschaft, seine Mutter wäscht an jedem Wochenende die Trikots der ersten und der zweiten Mannschaft.

Was ist aus Fips Familie, seiner Frau, seinen Kindern geworden? Der plötzliche und viel zu frühe Tod von Hans-Dieter Wacker war ein tiefer Einschnitt für alle Angehörigen, aber in besonderem Maße für seine Frau Astrid, die mit vier, noch kleinen Kindern zurückblieb. Doch was für Fips galt, gilt auch für Astrid: Sie ist eine Kämpferin und fand die Kraft für ein neues Leben, in dem das, was war, seinen festen Platz hat. „Fips war nicht nur ein außergewöhnlicher Fußballer, er war auch als Vater und Ehemann etwas ganz Besonderes", sagt sie heute.  Die Erinnerung an den viel zu früh verstorbenen Mann und Vater begleitet die Familie. Die drei Töchter haben selbst noch eigene Erinnerungen an ihn, erinnern sich daran, wie sie fast bei jedem Heimspiel, dass der Fußballpapa beim TSV Wolfskehlen und bei Viktoria Griesheim als Spieler oder Trainer bestritt, dabei waren. Aus den Kindern sind gute Sportler geworden – die drei Töchter haben beim TSV Pfungstadt Handball gespielt, zwei schafften es sogar bis in die Bezirksauswahl. Eine der Töchter ist heute bereits verheiratet und hat selbst zwei kleine Jungs - Fips wäre heute also bereits Opa.

Tibor, Fips einziger Sohn, ist mit Leib und Seele Eintracht-Fan. Und er spielt selbst Fußball – kein Mittelfeldspieler wie Fips, sondern ein Stürmer ist aus ihm geworden. Nein, er hat nicht das Riesentalent seines Vaters geerbt, aber er ist ebenso fußballverrückt. Das mag auch damit zusammenhängen, wie er den Fußball kennen und lieben lernte: Als Baby, auf dem Arm seines Vaters, der mit ihm durch den Garten tobte und ihm seine Tricks zeigte. Sehr schade, dass den Beiden nicht mehr Zeit miteinander vergönnt war.

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Ganz herzlichen Dank an Ulrich Rein von der SKV Büttelborn für die umfangreiche und nette Unterstützung bei der Erstellung des Textes. Und an Astrid, die Frau von Fips Wacker und Tibor, seinen Sohn, die mich an ihren persönlichen Erinnerungen Teil haben lassen und den Text um so viele weitere, liebevolle Details bereichert haben. Vielen Dank für euer Vertrauen!