Samstag, 28. Mai 2011

Der Weg der verseuchten Gurken

Ich muss zugeben: Ein bisschen erstaunt war ich schon, als ich gestern morgen auf der Wahrheitsseite der TAZ ein Bild von Christoph Daum entdeckte. Huch, auch hier noch einmal ein Abgesang auf die Eintracht?

Nein, der Artikel beschäftigte sich mit der Kanzlerkandidatensuche der SPD. Das Foto von Christoph Daum dient als neckische Garnitur: „Kennt sich mit Absteigern aus.“ (Ich glaub, die meinen uns.) Auch bei der Eplus-Ticker-Nachricht „Der Weg der verseuchten Gurken“ dachte ich für einen ganz kurzen Moment, es ginge um die Eintracht. Zum Glück fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass das ja gar nicht sein kann, weil wir zwar abgestiegen sind, aber trotzdem gezeigt haben, dass „wir sogar erstklassig sein können.“ 

So gut, so recht.  Ich wache zwar nach wie vor an jedem Morgen mit schreckensbleichem Gesicht auf und brauche in der Regel den ganzen Tag, bis die Dämmerung hereinbricht, um mich gedanklich und emotional auf die nähere Zukunft einzustellen („Abends hatte ich mich endlich freigedacht und ich hob mein Haupt.“ Peter Handke: Das Gewicht der Welt). Auch sonst hört man mancherorts noch leises Wimmern und Wehklagen  (das ist nichts weniger als verständlich – wer landet schon gerne mit "unklarem Geschmack"   auf dem 18. Platz im Stadionwurst-Ranking? Das muss erst einmal verdaut werden.).   

Da aber die Mannschaft der Eintracht im Prinzip steht, die Trainerfrage so gut wie geklärt ist, in gut einer Woche das Training wieder aufgenommen  wird und die Zweitligadinge auch sonst rasant an Fahrt gewonnen haben (Vorberichte! Analysen! Prognosen! Gerüchte! Untergangsszenarien! Optimismus! Sogar der Zynismuspegel hat sich bereits wieder auf Vor-Abstiegsniveau eingegroovt), können wir uns unterdessen mit der Aufarbeitung einiger grundsätzlicher Themen und dem Finetuning der Planung eines Kongresses für Eintrachtologen beschäftigen. Über den Ablauf der Tagung und die Zusammenstellung der Themen musste ich mir keine großen Gedanken machen – ich habe mich  einfach von dem Programm eines Kongresses inspirieren lassen, den ich in dieser Woche besucht habe.


Anmeldungen und weitere Themenvorschläge sind jederzeit herzlich willkommen.

Zum Schluss jedoch soll Frau H., die energische Leiterin des hiesigen Supermarkts zu Worte kommen. Sie reagierte heute vormittag höchst unwirsch auf den Versuch einer verängstigten Kundin, die ihr eine Frage stellen wollte: „Wie oft soll ich des dann noch sage – mir habbe kei Gurke aus Spanien.“

Eine Aussage, der auch wir Eintrachtologen uns vollumfänglich anschließen können.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Immer da

Gestern ist Bob Dylan unfassliche 70 Jahre alt geworden. Schwer vorzustellen, dass jemand diese überall präsente Nachricht nicht mit bekommen haben sollte. Gestern also hätte eigentlich auch der folgende Eintrag hier in diesem Blog erscheinen müssen. Das hat leider nicht geklappt. Wir befinden uns also bereits in der Nachspielzeit.

Es ist schon ein paar Jahre her, da kam ich mit einem Bekannten am Rande eines Festes in ein längeres Gespräch. Wir sprachen über die Welt, über Fußball, über die Eintracht (der er mit einer gewissen Reserve gegenüberstand und steht), über Musik, schließlich über Bob Dylan, den er ebenfalls skeptisch, aber immerhin freundlicher als die Eintracht betrachtete. „Eintracht Frankfurt und Bob Dylan,“ fragte er, „wie passt denn das zusammen?“

Diese Frage erstaunte mich. Ohnehin, denn: Was passt in einem Leben schon zusammen oder umgekehrt: Was passt nicht? Menschen und Dinge, die man liebt, treten nebeneinander, finden sich und gehören zusammen, einfach weil sie zu diesem einen Leben und genau dort hin gehören. Wie bei mir und der Eintracht und Bob. Wobei ich der festen Überzeugung bin, dass die Nähe zwischen Eintracht Frankfurt und Bob Dylan beiden sowieso zu eigen und es insofern kein Zufall ist, dass beide mich oder ich sie gefunden habe.

Die Eintracht gehört zu meinem Leben solange ich zurückdenken kann, ich bin mit ihr aufgewachsen, sie gehört sozusagen zum Grundbestand meines Denkens und Fühlens. In Sachen Bob bin ich eher eine Spätberufene. Wir entdeckten uns in den 80igern, während meiner Unizeit. Wildes, heftiges, abgedrehtes Leben. Übervoll. Von und mit allem. WG-Leben. Musikalisch hatte ich Kurven über Pop, Rock, Punk gedreht. Ich kannte Bob Dylan, natürlich, aber irgendwie war er für mich Teil einer vergangenen Zeit. Blowing in the wind. Und jetzt. Trinken. Reden. Streiten. Und immer lief im Hintergrund irgendwo irgendetwas von Bob. Es war als hörte ich es zum ersten Mal – das also, das ist Bob Dylan - und ich wusste, es würde bleiben.

„It sounded current and old at the same time.“ Das hat Bob Dylan mal über Woody Guthrie gesagt – und so ging es mir mit seinen Liedern. Da war alles, was ich von meiner Oma, meinem Opa erfahren und darüber gelernt hatte, was gut und richtig und wichtig ist im Leben – und es hatte immer gleichzeitig auch mit all dem zu tun, was mich beschäftigte und wie ich mich fühlte. „You could listen to this songs and learn how to live.“ Auch das sagt Bob über Woody. Und genau darum geht es auch in seinen eigenen Liedern, um - wie er es im ersten Band seiner Autobiobrafie, den Chronicles, schreibt - die immer gleichen Themen, um nichts als das Leben: Tod. Schicksal. Wahrheit. Integrität. Würde. Liebe. Eintracht. (Nein, das dann doch nicht, zumindest nicht wörtlich ,-).  Sei der, der du bist und nicht der, den die anderen in dir sehen wollen. Bleib aufrecht. To live outside the law you must be honest.  Das Streben nach Glück und das Wissen, dass im Moment der Erfüllung auch immer gleich der Verlust mitschwingt. There’s no success like failure and failure is no success at all. Wer würde da noch fragen, was Bob und die Eintracht miteinander zu tun haben?

Heute lege ich oft, aber längst nicht mehr so oft wie früher eine Dylan-CD ein. Nicht weil ich genug gehört habe, sondern aus dem gleichen Grund, aus dem ich mir nicht jeden Tag, sagen wir mal, den „schwarzen Falken“ oder „Red River“ anschaue oder nicht jedenTag „Adam Bede“ oder den „Taugenichts“ lese. Es ist zu mächtig. Ich trage es in meinem Herzen.

Früher habe ich immer gehofft, dass Bob irgendwann einmal, wenigstens einmal noch, bei einem seiner Konzerte, allein mit seiner Gitarre auf die Bühne kommt und singt, „To Ramona“  zum Beispiel. Einfach so. So wie er es ganz am Anfang aufgenommen hat. Heute weiß ich, dass die Art und Weise, in der Bob mit seiner Band durch die Welt zieht und seine Lieder jeden Abend neu zerpflückt die einzig mögliche Art ist. Rock. Walzer. Polka. Blues. Hillbilly. Grooven. Swingen. Röcheln. Tänzeln. Näseln. Immer neu immer weiter, zieht Bob, ziehen wir mit ihm, immer ein Stück, wenn er auf seiner neverending Tour in Europa vorbeikommt. Wundersam vermischen und verweben sich die Textzeilen und Melodien mit Menschen, Jahren und Städten. Hotelzimmer. Kneipen. Hallen. So muss es sein. Nicht anders. Life and Life only. Einsame, bierdurchtränkte Nacht in Hannover. Leuchtendes Berlin. Über dem Wasser schwebender Bob in Gelsenkirchen. Heißes Lille. Auf dem Boden kauernd. To Ramona. Tatsächlich: To Ramona. Salzburg, das während der EM gerade von einer blau-gelben schwedischen Invasion überrollt wird.

Der Domplatz in Worms und Bob, der im Nieselregen „Forever young“ krächzt. Tränen. Sonnenüberflutetes Basel. Dornbirn im strömenden Regen, das Setting wie aus einem Stück von Thomas Bernhard und zum Ausklang des Abends ein Alleinunterhalter, der an der Hotelbar auf dem Akkordeon „Sierra madre del sur“ singt. Die Halle in Straßburg, wie ein vor der Stadt gelandetes rotes UFO. "Just like a women", singt Bob nur für mich. In Freiburg, ein zerbrechlicher Bob, der nur begleitet von Tony Garnier am Bass eine atemberaubend zarte Version von „Girl from the North Country“ hintupft. In Mannheim spült uns bei der Zugabe eine Menschenwelle direkt nach vorne an die Bühnenrampe und ich schwöre: Bob und ich haben uns einen Moment lang in die Augen gesehen. Schwarzer Hut, schwarzer Anzug, rotundschwarze Paspeln. Vor fünf Jahren, in Höchst nach einer 0:3-Heim-Niederlage der Eintracht gegen Bochum, öffnet sich bei „All along the watchtower“ das Hallendach und ich fliege, fliege. Going.Going. Gone.

Wie jedes Kunstwerk, jedes Buch, das man wieder und immer wieder neu liest, scheint auch jedes Dylan-Lied ein „Jetzt der Erkennbarkeit“ zu haben. Eine neue Lesart. Eine im Werk angelegte Wahrheit , die genau jetzt in diesem Moment aufscheint.

Sich ändern, um der zu bleiben, der man ist. Traurig sein und froh. Die Flüchtigkeit des Augenblicks. Wehmut und Kraft. Stolz und Würde. Die stille Größe der Einsamkeit. This ancient empty street’s too dead for dreaming.  Weg gehen, um zu bleiben. Life sometimes must get lonely. Wissen, um die Vorläufigkeit von allem und jedem und trotzdem im Vertrauen auf Erlösung. I know the fortune is waiting to be kind.

Und welcher Bob passt im Moment am besten zur Situation der Eintracht? „I’m a man of constant sorrow. I see trouble everywhere.” Das ist schon mal nicht schlecht und passt zur Eintracht eigentlich immer. „I know you are sorry, I’m sorry too.“  Mag gelten für wen oder was auch immer. „Everything is broken.” Mmh. “My love she’s like some raven at my window with a broken wing.” So ist es wohl. Immer drängender wird der Wunsch nach Neuanfang: “Can’t wait.” „Expecting rain.“ Oder vielleicht doch einfach die Erkenntnis: „You always have to be prepared but you never know for what.”

Eintracht Frankfurt spielt in der kommenden Saison in der zweiten Liga. So viel ist sicher. Bob Dylan ist 30, 40, 50, 60, 70 geworden und tourt immer weiter. Paderborn. Fürth. Rostock. Ähem:  Sursee. Mainz. Hamburg. Natürlich. Und da fällt mir ein, dass da noch etwas ist, dass Bob und die Eintracht  gemeinsam haben. Es wird unendlich viel über sie geredet und geschrieben und nachgedacht. Und auch ich rede, schreibe und denke mit. Und trotzdem kann all das nichts daran ändern: Die Sache zwischen Bob und mir bleibt ebenso wie die zwischen der Eintracht und mir immer etwas ganz persönliches. Er. Sie. Ich. Wir. Schon immer alt. Für immer jung. Not there, trotzdem immer da. Man sieht sich! Danke, Bob! May you stay!




Freitag, 20. Mai 2011

Nur fünf Minuten

„Aber dann sang das Niveau,“ lautete gestern das Zwischenfazit, dass der Kommentator des Relegationsspiels Gladbach gegen Bochum kurz vor Ende der Begegnung zog. Zumindest war es das, was in meinem Ohr ankam. Und ich fragte mich: Welche traurige Weise mag es wohl angestimmt haben, das Niveau? Einen Mangel an aktuellen Themen wird es zweifelsohne nicht haben. Aber zum Glück sind wir ja moralisch flexibel.

Flexibel sind wir auch in der Auswahl unseres Lieblingsrestaurants. Und dabei hilft uns, dass Restaurants künftig mit einer „Hygenie-Ampel“  gekennzeichnet werden – ein Begriff, der bei mir eine gewisse Übelkeit auslöst, was mir – ehrlich gesagt - in Restaurants unterschiedlichster Ess- und Preisklassen bisher äußerst selten passiert ist.

Ich schlage vor, im Namen des großen Weltschutzes umgehend weitere EU-standardisierte Kennzeichnungen an Häuserwänden vorzunehmen. Wie wäre es mit: „Ich produziere heiße Luft“ (bei nicht vorhandener Wärmeisolierung bzw. fehlendem Solardach bzw. nachweislich regelmäßig auch nach 24 Uhr noch eingeschalteten Lichtquellen). Oder: „Ab in die Tonne“ (Bei nicht ordnungsgemäßer Trennung des anfallenden Hausmülls bzw. übermäßig hohem Verbrauch von Plastik). Auch nichts schlecht: „Zu hoher Krankenkassenkostenverursacher“ (das betrifft uns schließlich alle, nicht wahr). Oder – angelehnt an das Layout des „Atomkraft –Nein danke!“ Logos - „Ich bin Hartz IV“ (weil: Dann könnten wir alle den Betroffenen dabei helfen, auf die richtige Verwendung der staatlichen Gelder – Milch und Salat, statt Bier und Zigaretten – zu achten). Im Zuge der neuen Bürgerbeteiligung ist es vielleicht ohnehin am besten, wenn wir nicht nur dauernd Rechte einfordern, sondern jeder sich selbst in die Pflicht nimmt und zu seinen Fehlern steht. Irgendein Handicap hat schließlich jeder. Schildchenpflicht für alle. Ich geh gleich schon mal nach draußen, um meinen Adler an der Haustür noch ein wenig fester anzubringen.

Apropos Adler: Wie lange hat es jetzt gedauert, diesen Eintrag zu lesen? Ich schätze mal: Ungefähr fünf Minuten. Knapp so lange dauert es, wenn man sich den Saisonzusammenschnitt aller Eintracht-Tore in der Rückrunde der Saison 2010/11 auf DVD anschaut. Und nicht einmal so lange hat Patrick Ochs gebraucht, um zu überlegen, ob er das Angebot des VFL Wolfsburg annimmt.

Ich weiß nicht, wie es euch geht - aber mit der gebotenen Flexibilität betrachtet: Manche Dinge können gar nicht schnell genug gehen.

Dienstag, 17. Mai 2011

Kojo, Kojo

„Glückliche Familien sind alle auf die gleiche Art glücklich, unglückliche jede auf ihre Art“, so beginnt Tolstois „Anna Karenina“ und wie mit den Familien ist es wie mit den Abstiegen. Nicht der erste, zweite, dritte, vierte ist der Schlimmste. Jeder ist am Schlimmsten, jeder auf seine Art. Und so war der Samstag ein wilder, herzweher, zornig-trauriger Tag (merke: Es ist ein deutlicher Unterschied sich vorher so zu fühlen als sei man bereits abgestiegen und der Tatsache, dass man es ist). Der Sonntag stand unter Betäubung, wie wenn ein D-Zug über mich gerollt wäre. Übernächtigt. Flau. Apathisch. Melancholisch. In der Nacht von Montag auf Sonntag: Viel zu kurzer, aber tiefer Schlaf mit wilden Träumen und dann am Montag – siehe da – ein neuer Tag. Da ist er noch, dieser fast schon vertraute bohrende Schmerz in der Herzgegend. Da wird er auch bleiben, aber der Kopf fühlt sich wieder klarer an. Jammern nützt ja nix. Und die Sonne hat sowieso auch heute wiedernichts besseres zu tun, als auf und wieder unter zu gehen.

Aha. Patrick Ochs hat noch ein letztes Mal eines seiner lustigen Interviews für die Eintracht gegeben. Kurzer, aber heftiger Adrenalinschub: Die Mannschaft habe bereits seit dem vierten Spieltag der Rückrunde gewusst, dass da „nix mehr geht.“ Na, danke auch schön – nächstes Mal bitte vorher Bescheid sagen. Hätte man uns jede Menge Nerven, Herzleid sparen und ab diesem Zeitpunkt den Spielbetrieb nicht nur auf dem Platz, sondern tatsächlich einstellen können. Ab dafür. Merkwürdig fern das alles schon. Das Entsetzen über die Art des Abstiegs fängt bereits an mit den Mythen der Eintracht-Geschichte verwoben zu werden („Boah. 8 Punkte. Sieben Tore. Beispielloser Absturz – das muss uns erst mal einer nachmachen.“) Die Gedanken wenden sich auf das, was kommt.

Es muss alles sehr schnell gehen, wird gar nicht so schnell gehen können, wie es muss. Schon in drei Wochen Trainingsauftakt (befremdliche Vorstellung), das erste Spiel am 14. Juli (huch, ist da nicht noch WM? Es ist.) Erst Ende August werden wir wissen können, wie die Mannschaft wirklich aussehen wird, trotzdem müssen wir von Anfang an da und vorne mit dabei sein… Und dann tickern auch schon die ersten Meldungen durchs Netz. Franz geht vielleicht doch nicht zu Hertha, „fühlt sich wohl“ in Frankfurt und ist als Kapitän gedacht. Rode und Jung sind beim VFB im Gespräch (Bitte nicht. Halten, die Jungs, halten!). Caio geht, heißt es, zurück nach Brasilien. Altintop. Gekas. Schwegler will (bis auf weiteres) selbst wieder gut machen. Tzavellas bekundet ähnliches. Nachmittags die erste Pressekonferenz. Christoph Daum verkündet in Eintracht-Kulisse aber ohne weitere einträchtliche Begleitung, dass „wir“ entschieden haben, dass es besser ist, wenn die Eintracht mit einem anderen Trainer den Wiederaufstieg angehen sollte. Er wünscht uns eine "kurzweilige Zeit in der zweiten Liga" und wird uns auf Wunsch gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wie peinlich ist das denn. Christoph Daum ist bei der Eintracht gescheiter geworden - sehr gut, da hat sich der Abstieg in einem höheren Sinn dann doch gelohnt. „Fort mit Schade“, hätte meine Oma gesagt. Der Vorhang fällt. Die „Ära Daum“ bei der Eintracht – heute schon  fast nicht mehr als eine kuriose Anekdote am Rande.

Das nächste Ereignis dräut bereits am Horizont. Der Aufsichtsrat tagt. Heute Abend um 20.30 Uhr findet eine Pressekonferenz statt. Am Riederwald – das ist symbolisch und richtigungsweisend. Da simmer aber gespannt. Der neue Sportdirektor und der neue Trainer werden verkündet. Gerüchtet es. Live im Internet in Liga1-TV können wir dabei sein. Der Pressekonferenz-Babbel-Fred im Eintracht-Forum  läuft zu Höchstform auf. Hinter jedem Baum und Strauch, in jedem Taxi wird Frontzeck gesichtet. Peter Neururer sitzt bereits mit Kaffee und Apfelkuchen bei Heribert. Der Teufelskreis, in dem wir uns befinden, wird zum Teufelsgreis und gibt Anlass zur Vermutung, dass möglicherweise Lattek? Oder Rehhagel? Friedel Rausch? Kalli Feldkamp? In der „Wer soll neuer Eintracht-Trainer-werden?“-Umfrage der Frankfurter Rundschau steht Stepi (hinter Schui) auf Platz 2. Per Mail teilt mir ein befreundeter 05er mit, dass er für den Fall, dass wir neben Stepi auch noch Ohms und Knispel zurückholen, sich umgehend zur Eintracht bekehren wird. Ich überlege, ob ich das Angebot annehme.

Um 20.30 Uhr sitzen aber- und abertausende Eintrachtler (auch ich) vor dem PC und starren den schwarzen Fleck an, der da statt Video zu sehen ist. Der Aufsichtsrat tagt noch. Die PK verzögert sich. Verzögert sich. Verzögert sich. Um halb Zehn wird es mir zu blöd und ich mache mich vom Acker respektive: Begebe mich Richtung Wohnzimmer, wo ich einen Teller Nudeln mit Tomatensoße verzehre. Um viertel vor 11 berichtet das HR Heimspiel live vom Riederwald, das, was wir alle ohnehin schon wissen. Heribert bleibt. Wir werden einen Sportdirektor bekommen. Ansonsten: Es sind 421 Namen genannt worden, die werde ich mit Ihnen nicht diskutieren. Alle Entscheidungen werden zügig, aber ohne Hast zum Wohle von Eintracht Frankfurt getroffen. Sagt Heribert. Beruhigt lege ich meine Gabel nieder und trinke einen großen Schluck Apfelwein.

Stepi, der heute zu Gast im HR-Heimspiel ist, wird der neue Trainer übrigens nicht heißen. Es sei denn, die anderen 420 sagen alle ab. „Dann komme ich“, sagt Stepi. Vielleicht sollten wir doch mal ernsthaft drüber nachdenken ...?


Nachtrag:
Bleibt die Frage, warum dieser Eintrag die Überschrift „Kojo, Kojo“ trägt. Ein Wortspiel? Eine noch nie gehörte besonders geistreiche Verballhornung von „Caio“? Nein, alles falsch. Kojo ist der Name eines finnischen Sängers, der 1984 am ESC (so sagt man jetzt) teilgenommen hat. Er erhielt null Punkte. In einer der hundertfünfzig  (oder waren es 421?) Grand Prix Dokumentationen, die in der vergangenen Woche ausgestrahlt worden sind, wurde er gefragt, ob das schlimm für ihn gewesen sei und ob er es inzwischen verkraftet habe. Ja, antwortete er, es war schlimm. Und: Nein, er habe es noch nicht verkraftet. Wie auch? „In Finnland wird ein Eishockey-Spiel, das mit einem 0:0 endet, heute noch als Kojo, Kojo bezeichnet.“

Und was hat das mit der Eintracht zu tun? Ganz einfach: Wie in der zurückliegenden Saison hat die Eintracht zwar gestern die eine oder andere Chance herausgearbeitet, reicht aber nicht: Leider wieder kein Tor erzielt! Zurück auf Null. Kojo, Kojo.

Freitag, 13. Mai 2011

Das sieht uns ähnlich!

Es ist jetzt schon ein paar Jahre her, da fuhr ich mit einer Studienfreundin nach Kaiserslautern, um bei ihren Eltern – wir wollten über Pfingsten nach Holland – das dort deponierte Zelt abzuholen. Mit im Haus lebte auch die Oma.  Ich war eine Weile nicht mehr dort zu Besuch gewesen, die Oma kannte mich eigentlich ganz gut, war aber in letzter Zeit ein bisschen tüttelig und vergesslich geworden. So standen wir uns jetzt gegenüber, wir schüttelten uns die Hände, es war aber offensichtlich, dass sie nicht wusste, wer ich bin. Sie hielt meine Hand fest, schaute mich nachdenklich an, man sah förmlich wie es in ihr arbeitete und wie es dann „Klick“ machte. Sie lächelte mich an: „Was e Ähnlichkeit. Was e Ähnlichkeit.“

Die Eintracht hängt in diesen Tagen irgendwo zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“ und auch ich habe in dieser Woche jeden Tag mit mir gekämpft, um herauszufinden, in welche Richtung ich sie denken will. Am Sonntag war ich – noch unter dem Eindruck des Desasters gegen Köln – wild entschlossen, mir das letzte Saisonspiel gegen Dortmund nicht einmal mehr anzuschauen. Rechnerische Chance auf den Klassenerhalt? Haha. Wie oft den noch? Wir sind abgestiegen. Basta. Am Montag schwappte eine warme Welle von „Wir sind Eintracht“ über mir zusammen. Kid Klappergass kürte in einer anrührenden Würdigung Julian Dudda zum Spieler der Stunde. Abends waren Jan-Aage Fjörtoft und Henni Nachtsheim zu Gast im HR Heimspiel. Alles bleibt anders. Neuanfang. Wieder einmal. Dieses Mal richtig. Ich war gerührt. Fast fing ich an, mich auf die zweite Liga zu freuen. Am Dienstag war ich sicher, dass wir den sofortigen Wiederaufstieg schaffen. Am Mittwoch entdeckte ich (tatsächlich ,-) Zeichen von positiver Bewegung in und außerhalb der Mannschaft und zog zum ersten Mal wieder ernsthaft in Erwägung, dass wir am Ende doch noch drin bleiben bzw. dass die Chancen dafür doch eigentlich gar nicht sooooo schlecht stehen. Am Donnerstagmorgen fand ich diesen Gedanken absolut überzeugend, spürte aber leichte Panik bei der Vorstellung, vielleicht im nächsten Jahr dann wieder mit der gleichen Truppe die immer gleiche Geschichte weiter zu schreiben. Am Donnerstag Abend war es dann so weit: Ich war mir sicher, dass wir in der ersten Liga bleiben und dass wir den Umbruch schaffen. Auch in der ersten Liga. Ach was: Gerade in der ersten Liga. Ich will nicht absteigen.

Lena ist, wie ich gestern in einem – ernst gemeinten - Videoclip erfahren habe, durch ihren Grand Prix-Sieg im vergangen Jahr zu einer nationalen Ikone geworden und steht in einer Reihe mit Thomas Mann (erster deutscher Literaturnobelpreisträger), Siegfried Jähn (erster Deutscher im All) und Helmut Rahn (erster und einziger Helmut Rahn). Christoph Daum steht seit dieser Woche auf Platz 3 der „Trainer-Ikone-hält- eine-Wutrede“-Skala. Und aus dem Eintracht-Forum weiß ich jetzt endlich, wer schuld ist am Abstieg  - klar, die Frankfurter Rundschau -  und ich kenne außerdem den Hauptkerl, ohne bzw. mit dem alles gar nicht so weit gekommen wäre: Walter Ceklfiz. Das wir da nicht eher drauf gekommen sind.

Heute ist Freitag. Jetzt hat es auch bei mir endgültig „Klick“ gemacht und ich weiß, wie es weiter gehen wird. So – mit dieser Rückrunde, mit so einem Spiel wie gegen Köln – werden wir uns nicht aus dieser Saison verabschieden. Wir sind Eintracht Frankfurt. Wir können den Klassenerhalt nicht mehr allein und aus eigener Kraft schaffen, aber wir werden das, was wir jetzt noch tun können, dazu beitragen. Für heute und morgen ist ein Zwischenhoch (Wilma, aber eigentlich: Walter) angekündigt. Wir fahren nicht nach Dortmund, um den bereits feststehenden Abstieg zu besiegeln und Dortmund beim Feiern zuzugucken. Wir wollen mitfeiern. Und deswegen fahren wir nach Dortmund, um zu gewinnen. Ob wir das auch können – ich weiß es nicht. Aber ich gehe davon aus, dass die Jungs auf dem Platz eine Menge guter Gründe dafür haben, es zu versuchen. Und was immer dann am Ende dabei rausspringt und wo immer wir uns in der nächsten Saison wiederfinden. Immer daran denken: Es sieht uns ähnlich!

Eintracht!

Sonntag, 8. Mai 2011

Arsch ab.

Es ist Heinz Gründel (ja, der - ihr wisst schon, welchen ich meine), der diesen Satz gestern zu mir gesagt hat. Zwei Stunden nach Abpfiff. Wir sind auf dem Weg aus dem Stadion. Jetzt erst. Mit müden Schritten, verheultem Gesicht. Vorbei an Hundertschaften von Polizisten mit heruntergeklapptem Visier, Schutzschildern, Schlagstöcken. „Kommt man da hinten irgendwie raus?“ fragt mich ein verschreckt aussehender junger Mann. Ja, irgendwas geht immer. Und dann, hinter der Haupttribüne, begegnen wir Heinz. Er hat den Arm in der Schlinge (gebrochen? angebrochen?) ist ins Gemenge geraten und schafft es doch irgendwie schief zu grinsen. „Jetzt ist der Arsch ab.“

Aleschia. Der erste, der zweite, der dritte Abstieg. Was war am schlimmsten? Künftig werden wir, um unsere persönlichen Eintracht-Tiefpunkte zu erzählen, nicht mehr weit in die Vergangenheit zurückblicken müssen. Schlimm, vielleicht am schlimmsten – das war gestern. Nein, nicht vom fußballerischen Schmerz her, ganz sicher nicht. Aleschia - das war Tragik, das war Fußball, das war, das ist Stoff aus dem der Eintracht-Mythos gewebt ist. Das gestern war einfach nur Scheiße. Elend. Unwürdig. Zum Kotzen. Kaum zu ertragen.

Traum und Wirklichkeit vermischen sich. Ich sitze auf einem Stuhl, im Eintracht-Trikot, auf dem Kopf trage ich eine von diesen albernen Mützen mit Flügeln, die klatschen. Vor mir ein Fußballfeld - leer, links und rechts neben mir – alles leer. Ich springe auf: „Eintracht, Eintracht.“ Schreie ich. „Eintracht!“ Meine Stimme verhallt. „Steht auf, wenn ihr Adler seid.“ Kein Echo. Nichts. Ich lasse mich zurück auf meinen Stuhl fallen. Rutsche tiefer und tiefer. Eine Welle von Geräuschen und Menschen schwappt über mir zusammen. Wo kommen die denn plötzlich her? Ich versuche aufzustehen, kann nicht. Wie Blei zieht es mich zurück auf meinen Stuhl. Auf dem Feld jetzt ein Spiel, zwei Mannschaften – der 1. FC Köln, die Eintracht. Die Spieler stehen. Alle. In geordneter Formation. 4-3-3. Gekas winkt. Der Ball liegt im Mittelkreis. Ein Kölner hebt ihn auf,  nimmt ihn in die Hand, geht gemächlich zwischen unseren Spielern hindurch aufs Eintracht-Tor zu. Ist da. Nur noch einen Meter vor dem Tor. Er legt den Ball auf den Boden, kickt ihn sanft über die Linie. Der Stuhl, auf dem ich sitze, fängt an, sich im Kreis zu drehen, schneller, immer schneller.  Rauch. Grelle Blitze. Gegenstände fliegen. "Zum letzten Mal: Was ihr tut ist verboten. Geht zurück in euren Block“, schallt es durch die Lautsprecher. Wie wenn der Golem losbricht. „Christoph Daum, Christoph Daum, Christoph Daaaaaum,“ intoniert rechts von mir ein Trupp von Menschen in Köln-Trikots. Sie schwenken Fahnen. Einer hat um seinen Bauch einen Plüsch-Geißbock geschnallt. Der wackelt. Auf dem Spielfeld hat sich ein Polizeikordon aufgestellt, rückt auf. Sirenen heulen. Ich schlage die Hände vors Gesicht, weine. Weine Rotz und Wasser.

Wache auf. Mein Kissen ist nass.

„Wir kommen wieder.“ Nicht einmal diesen Satz traue ich mich im Moment hinzuschreiben. Hertha fällt mir ein. Die waren so weg, wegger gings nicht. So wie wir jetzt. Aus einer schläfrigen, etwas angeschubsten, aber innerlich immer noch brodelnden Diva, die gerade wieder angefangen hatte, vorsichtig nach höherem zu schielen, ist ein lebloser, rauchender und jetzt auch noch verkohlt riechender Trümmerhaufen geworden. Theoretisch können wir den Klassenerhalt am nächsten Wochenende  noch schaffen. Wenn die Mannschaft sich, mir, uns etwas beweisen will oder kann - ich werde sie gewiss  nicht daran hindern. Mag rechnen, wer will. Im jetzigen Zustand hat dieser Verein, hat diese Mannschaft, haben diese Fans nichts in der ersten Bundesliga zu suchen. Der Arsch ist ab. Definitiv und in jeder Hinsicht.

Und was ist mit uns? Mit ihr, mit ihm, mit dir, mit mir? Danke der Nachfrage. Macht euch bloß keine unnötigen Sorgen.
 "It’s allright, Ma. (I’m only bleeding)."

Samstag, 7. Mai 2011

Pizza für alle

Es ist früh am Samstag morgen, der Beginn eines sonnigen, warmen Frühlingstages  und ich bin froh, dass diese Woche hinter mir liegt und dass heute Heute ist. Heute spielt Eintracht Frankfurt gegen den 1. FC Köln um seine letzte Chance, den Relegationsplatz in der ersten Bundesliga aus eigener Kraft zu sichern. In der zurückliegenden Woche alles gedacht, alles gefühlt, alles gesagt. Heute ist es soweit: Wissen wollen.

*** Mit Bildern und Gedanken gequält. Gehadert. Übelkeit. Herzweh. Tausendmal die Tabelle angestarrt. Versucht zu verstehen (Wie konnte, wie konnte das passieren?) – keine Antwort. *** Alle Möglichkeiten noch und noch einmal durchgerechnet, auch abwegige Optionen einbezogen (gestern ist uns doch noch eine, nein es sind uns sogar zwei, neue eingefallen, keine guten). *** Die gesamte Palette der Gefühle durchlebt (Wut. Zorn. Apathie. Pragmatismus. Depression. Gleichgültigkeit. Abgeklärtheit. Zynismus. Pein. Schmerz. Jammer. Kampfeswillen. Aggressivität. Traurigkeit.) *** Das umfangeiche Tagwerk mehr oder weniger gut bewältigt (Phasen höchster Konzentration, unglaublich viel weggeschafft. Dann wieder hibbelig, außer Takt, abgelenkt). *** Spiele, Erlebnisse, verpasste Chancen der Saison durch den Kopf rauschen lassen. Worte. Bilder. Zitatfetzen *** Horoskope gelesen, mehrere. (Die kommende Woche wird für mich eine der besten Wochen des gesamten Jahres. Mal ehrlich: Dann kann die Eintracht doch gar nicht absteigen. Oder?) *** Seit langem einmal wieder die Orakelkuh befragt und das zu hören bekommen, was ich wollte. *** Mit mir selbst gehadert, ob ich das alles überhaupt wollen will. (Werde ich das Europalied mitsingen? Ja. Werde ich bei der Aufstellung die Spielernamen rufen? Nein. Doch. Nein. Doch. Nein. Doch. Aber nicht alle.) *** Jeden einzelnen Spieler innerlich abgehakt. Kannste vergessen. Raus, raus, alle raus. Schaumschläger. Dummschwätzer. Schisser. *** Versucht, doch noch irgendwo einen Lichtblick auszumachen. Gefunden. Doch nicht. Doch, doch, ganz dahinten. *** Von jedem, wirklich jedem auf die Lage bei der Eintracht angesprochen worden. („Was ist denn da bei Ihnen/bei dir/bei euch los?“ „Warum...?“ „Wer...?“ Am Ende: Mitleid. MITLEID. Mit uns).*** Mit allem abgeschlossen, hoffnungslos. Hoffnungsvoll. *** Diskutiert. Gedanken verloren. Weg gelacht. Flau. *** Mir überlegt, was ich am Samstag erwarte.Alles. Nichts. Eine Überraschung? (Aber gibt es wirklich etwas, dass mich nach dieser Saison noch überraschen könnte?). *** Lieber nicht so viel gelesen zum und über das Drumherum und dann doch wieder so viel wie möglich. *** In der Abendsonne am Teich gesessen und den Katzels beim Spielen zugeschaut. Nachts mit einer Flasche Bier im Garten gestanden und in den Sternenhimmel geschaut. Klein. Groß. Schön.  *** Mich einfach mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Pah. Mach dich nicht lächerlich. Gibt wichtigeres. Panik. *** Vor mich hingestarrt. Mir ist heiß. Mir ist kalt. Mir ist schlecht. *** Versucht, realistisch zu sein, mich irgendwie mit allem zu arrangieren. Wird schon. Irgendwie. Vielleicht besser so. Alles neu. Und dann steigen wir halt direkt wieder auf. Nein. Nein. Nein. Ich. Will. Nicht. Absteigen.

Gestern morgen hat mir ein guter Bekannter - ein Frankfurter - erzählt, dass er gerade eine Voice-Mail erhalten habe. Er kannte die Nummer nicht, ist neugierig, hört die Nachricht ab. Eine freundliche Stimme schmettert ihm entgegen: „Eintracht Frankfurt steigt nicht ab.“ Und dann, nach kurzer Pause: „Und wir bringen Ihnen die Pizza.“ Dann eine Telefonnummer. Vielleicht ja eine Idee für das Abschiedsessen unseres Kapitäns - da wäre doch dann vielleicht endlich die Zeit, um mal in Ruhe zusammen eine Pizza zu essen.

Schluss damit, genug von allem, es ist soweit: Macht es einfach. Am besten gut.


Heute nur eins: Sieg! Und: Eintracht!

Donnerstag, 5. Mai 2011

Dankbar. So was von.

Hey. Da gibt es ihn also doch, den Fußballgott. Oder zumindest ein kleines feixendes Engelchen (vielleicht mit Fußbällen auf seinem Engelsgewand), das speziell für die Belange des Fußballs zuständig ist. Vielleicht hat auch jeder seinen persönlichen Engel, der sich– wenn’s ganz dick kommt und der zu schützende Mensch dabei ist, einen Fehler zu machen - sich auch individuellen fußballerischen Angelegenheiten annimmt. Wer, wie oder was auch immer. Heute habe ich Grund, ihm zu danken. Sehr herzlich. Auch für seine spezifische Art von Humor. Doch, das hat was. Gerade war ich kurz davor – man weiß: die Situation ist „äußerst prekär“ - eine Art kämpferisches Gemeinschaftsgefühl mit Blick auf das Spiel am Samstag zu entwickeln (von wegen: Hey, scheiße gelaufen. Abgehakt. Die Saison. Elend. Wut. Jammer. Schutt und Asche. Scherbenhaufen. Aber lasst uns das einfach für die nächsten zwei Wochen vergessen, lasst uns zusammen das Schlimmste verhindern. Weg mit allem Negativen – Karre aus dem Dreck ziehen. Und dann geht jeder seiner Wege. Ihr, wohin immer ihr wollt. Wir bleiben.) Sentimentale Gefühle drohten, mich zu überwältigen. (Vielleicht war/ist ja doch nicht ALLES schlecht? Vielleicht sind das alles ja doch gute Jungs. Adler...) Und dann – jetzt komme ich zum eigentlichen Anliegen dieses Eintrags – sendet „mein“ Engel mir ein Zeichen. „Fall nicht darauf rein,“ sagt er. „Lass dich nicht wieder verarschen.“ „Mach dir keine falschen Hoffnungen – die nächsten Tage und Wochen werden für dich dann noch schrecklicher als sie ohnehin schon sind.“ „Das alles ist nicht gesund.“

Danke, vielen Dank, lieber Fußballengel, für das Zeichen, das du mir heute gesendet hast. Jetzt weiß ich wieder: Herr Kapitän Ochs und seine Jungs werden am Samstag Vollgas geben. Ich kann versprechen: I’ll be watching you.

PS: Geh doch. Mit Vollgas.
PPS: Eintracht!

Mittwoch, 4. Mai 2011

Rotundschwarze Eintracht-Schnipsel vom 14. April bis zum 4. Mai 2011 (Vollgas-Edition)

Donnerstag, 14. April
Wehe, walle. „Ghost – Nachrichten vom DFB.“ St. Pauli muss jetzt doch kein Geisterspiel austragen. Egal, ich seh trotzdem noch überall Gespenster. Klassenerhalter. Klassenerhaltsgespenster. So ists richtig.

Freitag, 15. April
Die TAZ vermeldet heute auf ihrer Titelseite, dass „Lady Gaga das aufregendste Phänomen der zeitgenössischen Popkultur“ ist. „Wer sie verpasst, verpasst die Gegenwart.“ Dazu mein Mit-Adler: „Das ist eine meiner leichtesten Übungen.“

Rein zufällig zappe ich mal ein bisschen durch den VFL Bochum-Blog 18:48. Huch.
Kevin Großkreutz hat die Patenschaft für den Schabrackentapier „Kevin Mogli“ übernommen. Putzigerweise flattert mir eine Stunde später per Post ein Flyer auf den Schreibtisch, in dem mir angeboten wird, die Patenschaft für ein Selztalrind zu übernehmen. Ich glaub, hier bin ich der falsche Adressat. Patrick Ochs – übernehmen Sie!

Samstag, 16. April
So sicher, so sicher war ich mir, dass die Eintracht in Hoppenheim etwas holt. Also eigentlich hätten wir ja auch. Müssen. Tun wir aber nicht. Ich hasse die Welt und hadere mit allem. Verdammt. Die Zukunft gehört dem Wind.  Uns bleibt die heiße Luft.

Sonntag, 17. April
Von meinem DK-Sitznachbar im Stadion weiß ich seit zwei Wochen, dass Christoph Daum einen Bruder – Eberhard – hat, der eine Klinik leitet. Ein Mit-Adler schickt mir einen Link zu einem Interview mit Eberhard. Hä? Christoph Daums Bruder beteuert dessen Unschuld. „Ich konnte in keinster Weise irgendeinen Realitätsverlust feststellen.“ Wie bitte? Unschuldig? Doch nicht etwa an einem möglichen Abstieg der Eintracht? Und von wegen Realitätsverlust: Merkt CD jetzt, dass er sich doch nicht richtig überlegt hat, was er tat, als er bei der Eintracht unterschrieben hat...? Ach so, Entwarnung – das Interview ist schon 11 Jahre alt…

Montag, 18. April
Das Gesicht eines Trainers am Tag nach einem Spiel lässt Rückschlüsse zu auf den Zustand seiner Mannschaft. Sagt Christoph Daum. Mmh. Also alles eine Frage der Gesichtskontrolle. Verloren? Schief lächeln, trotziger Blick. Gewonnen? Grins. Unglücklich verloren? Schief lächeln und Zuversicht ausstrahlen. Wichtig ist es, auf Nuancen zu achten.

Spieler 1 zu Spieler 2: „ Hey, du – was meinsten du? Wie issen unser Zustand?“
Spieler 2: „Mal abwarten, bis unser Trainer kommt.“
Spieler 1: „ Aaaah - da vorne, da kommt er ja“.
Spieler 2: „Guck ma wie er guckt.“
Spieler 1: „Grübel...“

Christoph, was wolltest du uns damit sagen?

50 Millionen Klimaflüchtlinge sind nicht nur nicht aufgetaucht, sondern jetzt auch einfach verschwunden. Na ja, solche kleinen Prognosefehlerchen kann man schon mal stillschweigend korrigieren. Was ist schon zementiert?


Dienstag, 19. April
Nicht oft, aber ein paar Mal habe ich das schon erlebt: Es passiert etwas - klein, groß, doof, unangenehm, vielleicht sogar schlimm – und das, was geschieht, ist wie ein Erkenntnisblitz. Heideggersch könnte man sagen: Die konkrete Situation verdichtet sich zum Ereignis und offenbart ihren metaphysischen Sinn. War gestern sehr erleichtert, dass Maik Franz nach dem Tritt von Mlapa „nur“ eine Fußprellung hat, nach einer weiteren Untersuchung stellt sich heute heraus: Der Mittelfuß ist doch gebrochen. Gleichzeitig wird vermeldet, dass Sonny Kittel im Training einen Kreuzbandriss erlitten hat. Mir bleibt für einen Moment die Luft weg. Als ob der Eintracht gleichzeitig die Gegenwart und der Weg in die Zukunft abgeschnitten worden sei.

Aber es gibt auch noch gute Nachrichten. Der Mainzer Allgemeinen Zeitung entnehme ich, dass bereits zum dritten Mal der „von Opel-Preis“ des Forums „ Wein und Gesundheit“ verliehen worden ist. Die Begründung: „Dem Forscherteam ist es gelungen, wissenschaftlich fundiert zu belegen, dass der Konsum von 400 Mililitern Wein, ungeachtet, ob Rot- oder Weißwein, bei Patienten mit einer leicht eingeschränkten Nierenfunktion die Wahrscheinlichkeit einer Nierenschädigung durch Kontrastmittel nach einer Herzkatheteruntersuchung sich um mindestens 50 Prozent senken kann.“

Mmh. Ich könnte mich anheischig machen, streng wissenschaftlich im Selbsttest nachzuweisen, dass der Konsum von vier Gläsern Apfelwein, ungeachtet ob pur oder sauer gespritzt, bei Eintrachtlern mit leicht eingeschränkter Zuversichtsfunktion die Wahrscheinlichkeit einer Nervenschädigung durch Hyperventilation nach dem Besuch eines Eintrachtspiels sich um mindestens 0,1 Prozent senken kann. Soll ich?

Mittwoch, 20. April
Was in Schweden bereits Gang und Gäbe ist, wird es vielleicht auch bald bei uns serienmäßig geben: Alcolock. Wer sich in sein Auto setzt, muss zunächst in ein Messgerät pusten– erst wenn die Pustung Alkoholfreiheit ergeben hat, startet der Motor.

Ich finde, dieses Modell ist ausbaufähig. Wie wäre es z.B. mit Blöd-o-lock? Könnte man vor jeder Haustür installieren. Misst die Gehirnströme. Erst bei erkennbarer Gehirnaktivität und ausgeglichenem links-rechts-Verhältnis der Gehirnhälften öffnet sich die Tür. Die Straßen wären menschenleer. Oder die Variante „Atilla-lock“ – wird am Spielfeldrand angebracht und nur Eintracht-Spieler, die beim Durchqueren der Schranke erkennbare Vitalreflexe zeigen und deren Adler auf der Brust zu leuchten beginnt, dürfen den Rasen betreten. Mit wie viel Mann wir dann wohl auflaufen? Wohlwollende Schätzungen werden gerne entgegengenommen.

Donnerstag, 21. April
Uli Stein ist heute abend zu Gast im Eintracht Museum  und Kid Klappergass nimmt das zum Anlass, um die Steinzeit bei der Eintracht noch einmal Revue passieren zu lassen. Die Geschichten, die Kid erzählt, vermischen sich mit eigenen Erinnerungen, Bilder schwurbeln durch meinen Kopf...

Flashback.
Der geschäftliche Bekannte K., der überall mitmengt, angeblich („Ich kenn da jemand...“) beste Kontakte ins Innenleben der Eintracht hat und glaubhafterweise selbst einen Hauch von Hütchenspieler verbreitet. Das Pokalerstrundenspiel gegen die Bayern („Ich hab da 1a-Kadde...“), das erste und einzige Spiel der Eintracht, das ich von der Haupttribüne aus erlebe. Augenthalers Tor. Zeitlupe. Die Einweihung eines Reisebüros in Niederrad („Ich kenn den Inhaber. Da kommt die ganz Eintracht-Bromminenz...“). Wasserrohrbruch. Ich fahre trotzdem. Uli Stein, der mir die Hand schüttelt und zum dritten Preis in der Tombola gratuliert. Ein potthäßlicher Designer-Stuhl, den ich mit offenem Kofferraum und röhrendem Auspuff nach Hause transportiere. Riederwald. Ich – tatsächlich: ich – bin mit dem Manager von Tony Yeboah verabredet. Es geht um ein Nazis-raus-Konzert im Singkasten, das ich versuche, zusammen mit ein paar Freunden auf die Beine zu stellen. Kippe vor Aufregung beinahe aus den Latschen. Wir treffen uns in der Vereinswirtschaft. Am Nebentisch sitzen Uli Stein und Charly Körbel und essen Rippscher mit Kraut...
Flashback-Ende

Schade, dass ich heute Abend nicht in Frankfurt sein kann.

Von wegen „vorösterlich“. Nix wie Hektik. Abgabetermine. Abstimmungshin- und her. Trotzdem stehle ich mich zwischendurch eine Stunde aus dem Büro, um einem Adler-Freund seine Dauerkarten zurückzubringen, die er mir fürs Spiel gegen Hoffenheim geliehen hatte. Die Sonne scheint. Dumdidum dudelt das Audioradio. Dürfen Männer weinen? Fragt die Moderatorin. Klare Sache: Manuel Neuer darf. Dumdidum. Im ersten Quartal 2011 ist die Anzahl der Masererkrankungen in Hessen im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum dramatisch gestiegen ist. Es gab 34 Erkrankungen. Ich vermute: Rückfragen bei der UN-Gesundheitsorganisation haben ergeben, dass bis zum Jahr 2013 mit 50 Millionen an Maser erkrankten Hessen zu rechnen ist. **singan** Maserkranke Hessen überall **singaus**

Und abends gleich noch etwas zum Thema Prognosen: Hannover gewinnt in Freiburg mit 3:1. Champions League. Hannover.

Karfreitag, 22. April
Am Römer findet ein Smartmob gegen das Tanzverbot an Ostern statt. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Flash- und einem Smartmob? Ich lese:

"Flashmob. Die Beteiligten tauchen am vereinbarten Ort zur vereinbarten Zeit auf, um dort kurz und für die unwissenden Passanten völlig überraschend einer gänzlich sinn- und inhaltslosen Tätigkeit nachzugehen.“

"Smartmob ist eine seit einigen Jahren unter anderem bei Globalisierungskritikern gängige Organisationsform von Protesten …, die sich vom Flashmob in der Sinnhaftigkeit des Tuns unterscheidet. Sie ist eine Form der Selbststrukturierung der sozialen Organisation durch Technologie-vermittelte, intelligente emergente Verhalten."

Jetzt hab ich’s kapiert: Die Welt: Ein einziger Flashmob. Du und ich: Smart-Mob.


Samstag, 23. April
Eintracht gegen Bayern. Auf dem Weg zum Stadion fahren wir eine Kurve über die Mainzer Innenstadt. Der Mensch muss sich ernähren. Brot. Metzger. Markt. Der Bauer, bei dem ich Salat und Radieschen kaufe, ist Gladbach-Fan. „Na? Sie müssen ja auch noch zittern…“ Yo. Yo. Ich nicke.:„Einer kommt durch.“ (Wir! Natürlich! – Ich sage das nur, um freundlich zu ihm sein. Is ja klar, dass Gladbach null Chance mehr hat da unten rauszukommen).

Gekas sei Dank - wir holen nachmittags gegen die Bayern einen Punkt. Abends erzählt Christoph Daum im Sportstudio etwas vom Pferd. Es kotzt nicht vor der Apotheke, sondern sitzt im neurolinguistisch programmierten Gefängnis.

Ostersonntag, 24. April
Die Eintracht begleitet mich durch mein Leben so lange ich zurückdenken kann. Wenden, Krisen, Glück, Abschiede, Anfänge. Menschen, die kommen und gehen. Die Eintracht war und ist immer da. So nimmt es nicht wunder, dass es viele Momente in meinem Leben gibt, die untrennbar mit der Eintracht, mit einem bestimmten Spiel, einem Erlebnis am Rande des Spiels verknüpft sind. Ebenso geht es mir mit Büchern. Ich weiß häufig noch ganz genau, welches Buch ich in dieser oder jener Situation gelesen habe. Der Text immer auch als Widerhall des eigenen Erlebens. Bücher, die genau im richtigen Moment den Leser zu finden scheinen.

Entdecke in diesen Tagen Manzonis „Brautleute“, um die ich immer einen Bogen gemacht habe, für mich. Und siehe da – die erste Botschaft hat mich bereits erreicht: „Da er der Gefahr nicht ausweichen konnte, ging er ihr entschlossen entgegen, denn die Momente der Ungewissheit waren ihm mittlerweile so qualvoll geworden, dass er nichts mehr wünschte, als sie abzukürzen.“

Es ist Ostern. Die Sonne scheint. Der Duft von tausend Blüten schwebt in der Luft.

Montag, 25. April
Bin morgens schon sehr früh wach und staune über die tautropfenglitzernde Welt. Mache mir einen Tee, sitze auf dem Bänkchen hinter dem Haus und sehe wie die Sonne ganz allmählich hinter den Bäumen aufsteigt. Ein leichter Wind, es ist noch kühl. Unsere beiden kleinen Kätzchen wuseln um mich herum, hangeln mit den Pfötchen im Teich, buddeln in den Salatpflänzchen. Sitze und denke und bastele an meinem Blog-Eintrag zum Spiel gegen die Bayern. Vögel zwitschern und da – plötzlich: Platsch. Ein Stein ist ins Rutschen gekommen und – aaaaaahh – das Katerle ist in den Teich gefallen. Springe auf. Das schwarzundweiße Köpfchen ist über die Wasseroberfläche gereckt. Panik in den Augen. Wasser bis zum Hals. Er paddelt. Rudert. Wasser spritzt. Ächz. Land, Land. Er reckt sich, hangelt, rutscht, findet dann doch Halt. Zieht sich nach oben. Ans rettende Ufer. Geschafft. Aus eigener Kraft. Geschafft.


Dienstag, 26. April
Ich liebe Theater, schaffe es aber in den letzten Monaten viel zu selten, mir etwas anzuschauen. Heute eigentlich auch nicht, dann aber doch. Hurra. Wir sehen  Clybourne Park  im Mainzer Staatstheater  (das es wer-weiß-wie-lange-noch-aber-derzeit-zum Glück-noch gibt), eine bitterböse und saukomische Gesellschaftskomödie. Botschaft: Political Correctness ist eigentlich nur eine subtile Variante von Rassismus.

Danach eine SMS von einem Adler-Freund: „Mitbekommen wie Schalke gespielt hat?“
Antwort: „Nö. Wir waren im Theater.“
Rück-SMS: „Lass mich raten: Griechische Tragödie?“

Mittwoch, 27. April
Die Anspannung vor dem Spiel in Mainz steigt täglich. Manzoni mahnt zur Besonnenheit: „Pater Cristoforo kam in der Haltung eines guten Feldherrn, der ohne eigenes Verschulden eine wichtige Schlacht verloren hat und sich betrübt, aber nicht entmutigt, in Sorge, aber nicht kopflos, in Eile, aber nicht auf der Flucht, dorthin begibt, wo er gebraucht wird, um bedrohte Stellungen zu sichern, die Truppen zu sammeln und neue Befehle zu erteilen.“

Donnerstag, 28. April
„Solange wir es noch aus eigener Kraft schaffen können, glaube ich daran…“ Sagt Christoph Daum. Irgendetwas stört mich an diesem Satz. Warum sagt er nicht einfach: „Wir haben es in unserer eigenen Hand. Wir schaffen das.“

Freitag, 29. April
Hach. 0,7 Sekunden. Willi Windsor trägt Uniform und Kate trägt Spitze. Viktoria erscheint in Lachs. Königin Lisabeth (Zitat: Oma) sieht aus wie ein Zitroneneis und „es Anne“ wie eine verwelkte Blume. Harry wird Pippa bestimmt gleich fragen, ob sie noch auf einen Drink mit in sein Schloss kommt. Philipp ist immer noch stattlich, Camilla stapft und nickt und „de Karles“ (Zitat: Opa) ist jetzt doch auch schon ganz schön in die Jahre gekommen. Alles wie dahaam. Wir schalten um zur Royal Adler-Force nach Mainz.

Samstag, 30. April
Die Welt ist sonnig und weit. Ich bin hibbelig, hypernervös, gespannt bis in die Haarspitzen, zuversichtlich. Der Wochenmarkt am Dom strahlt im Sonnenlicht, überall kleine rotundschwarze Trupps, alles voller Polizei. Heimspiel in Mainz. Ich schlendere hinunter zum Rhein, wo bereits eines der Eintracht-Schiffe vor Anker liegt. Setze mich ans Ufer und beobachte, wie sich das zweite Schiff dem Ufer nähert. Rote Leuchtraketen fliegen. Ei, lasst des doch. Hinter mir kann es ein älteres Mainzer Ehepaar nicht fassen. Sie: „Die komme un wolle unser Stadt verwüste. Mir leeeefts kalt de Buckel enunner.“ Er: „Von unne e Loch noi bohre un versenke.“ Seufz.

Oops jetzt aber hurtig. Ich hechele durch die Stadt zum Auto. Nein, bin heute nicht im Stadion. Weite Teile der Innenstadt sind abgesperrt. Lange Kolonnen von Polizeiwagen. Drei laut singende Eintrachtler werden Bierflaschen schwenkender Weise von einer ungefähr 20-köpfigen Polizeieskorte zum Bruchweg hinauf geleitet. Pünktlich zum Anpfiff sitzen wir vor dem Fernseher. Der Rest ist Leiden und Fassungslosigkeit.

Um 11 Uhr abends habe ich mich soweit berappelt,, dass ich etwas essen kann. Elend. Schwach. Niedergeschmettert. In einer kleinen, pathetischen Anwandlung erheben wir unsere Gläser: „Auf die Eintracht, die mehr ist als die 11 Hansel, die da heute auf dem Platz gestanden haben.“ Die Tür zum Garten ist weit geöffnet. Musik hängt in der Luft. Dortmund ist Meister. Wir haben ausgetanzt.

Sonntag, 1. Mai
Wütend wache ich auf. Wütend zappe ich mich durch Berichte und Meinungen. Versager. Arschkrampen. Habe mit allem abgeschlossen. Ok. Dann sind wir halt abgestiegen. Abhauen sollen sie, alle. Ausnahmslos. Das einzige, was ich will, ist, dass sie am Samstag gegen Köln wenigstens genug Anstand haben, um sich zu wehren. Verdammt. Verdammt.

Mit einem Zitat aus einem Leonard Cohen-Lied hatte ich in meinem Vorbericht zum Mainz-Spiel den Unterschied zwischen Mainz 05 und der Eintracht beschrieben: „We are ugly, but we have the music.“ Ein – leider anonymer Kommentator – hat das Zitat genial eingehessischt: „We are ugly but we have the handcheese with music.“ Nie war dieser Satz so zutreffend wie heute: Wir haben nicht nur den Käse, wir stinken auch. Ab.

Tränen. Abends werde ich ruhiger, die wilde Wut ebbt ab. Wund. Weh. Schmerzhaftes Ziehen in der Herzgegend.

Montag, 2. Mai
Aus Sicherheitsgründen ist das Training im Wald heute abgesagt. Heribert Bruchhagen ist Gast im HR-Heimspiel und macht einen angegriffenen, aber kämpferischen Eindruck. Versachlicht die Gewaltdiskussion. Und: Selbstverständlich werden wir das Spiel gegen Köln gewinnen. Auch ein kurzes Interview mit Christoph Daum wird eingespielt. Er steht im Garten seines Hauses in Köln und sagt merkwürdige Dinge wie „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ (Ob das die Motivationsbotschaft ist, auf die Marco Russ wartet?) „Jetzt schrillen die Alarmglocken.“ Blablablablubb. Ich schaue mir - von wegen Spiegel des Zustands der Mannschaft – Daums Gesicht etwas genauer an. Hilfe.

Dienstag, 3. Mai
Vollkommen störungsfrei hat die Eintracht heute wieder ihr Training aufgenommen. Auf jeden Trainingsbeobachter kommen fünf Journalisten. Weit und breit nichts zu sehen vom randalierenden Mob. Christoph Daum wird die Spieler unterstützen. Jetzt gilt der 24 Stunden Tag. (War nicht auch schon mal die Rede von 25?) Ab morgen geht es zur Vorbereitung auf das „eminent wichtige Spiel“ gegen Köln per express in ein Trainingslager. Dann muss jeder selbst entscheiden, wo für ihn das rettende Ufer ist.

Mittwoch, 4. Mai
Gestern abend hat die Hessenschau über den ersten Trainingstag nach dem Mainz-Desaster berichtet.  Hab's verpasst und sehe mir heute den Video-Clip an. Ein Interview mit dem hoch-emotionalen Patrick Ochs: „Wir sind stinksauer und wütend über uns selbst. Verdammt, so viele Punkte, die wir überflüssig her geschenkt haben. Es zerreißt mich fast, wenn ich daran denke. Und dieses kollektive Versagen am Samstag in Mainz. So etwas wird es mit mir als Kapitän von Eintracht Frankfurt nicht noch einmal geben. Ich nehme mich da selbst in die Pflicht – und werde jeden einzelnen meiner Mannschaftskollegen, bei dem ich das Gefühl habe, das er nicht mitzieht, persönlich in den Hintern treten. Und wenn es das letzte ist, was wir tun: Wir werden am Samstag gegen Köln gewinnen.“

Wie? Das muss ich geträumt haben? Das hat er gar nicht gesagt? Was denn dann? „Wir müssen jetzt Vollgas geben.“ Oha. Da machen die Kölner sich sicher jetzt schon ins Hemd.

Es ist noch einmal ziemlich kalt geworden in den letzten Tagen. Mein Herz holpert bang und zitterig. Was wird noch kommen? Was wird abgehen, am Samstag, im Stadion. Final Countdown? Werden sie uns noch einmal im Stich lassen? Sollen wir..? Oder besser nicht? Was ist, wenn? Und wenn nicht..?

Das letzte Wort hat Manzoni:
„Gewiss, wer auf sein Herz hört, dem hat es immer etwas über das zu sagen, was kommen wird. Aber was weiß das Herz? Gerade nur ein wenig von dem, das bereits geschehen ist.“




*** hoffentlich erstklassige Fortsetzung folgt***